Kommunikation
10.10.2022
Von vorOrt.news

"Den Ort Tutzing gibt es nicht"

Irritierende Auskunft beim dritten Glasfaser-Anbieter UGG - Präsentation im Gemeinderat

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In Geh- oder Radwegen sollen die Glasfaser vornehmlich verlegt werden, ansonsten im Grünstreifen oder in der Straße - hier ein Bild aus Heidenau © Premium-Netz / Filiago / obs

Der Wettbewerb um den Glasfaser-Ausbau wird immer munterer. Dieser Tage hat bereits der dritte Anbieter im Gemeinderat sein Konzept vorgestellt. Das Unternehmen nennt sich „Unsere grüne Glasfaser“, kurz „UGG“. Zwei andere waren früher dran: Den Anfang machte Liberty Networks mit seiner Marke „Hello fiber“, dann folgte nach einiger Zeit die Deutsche Telekom. Beide waren schon im Gemeinderat. Nun also UGG.

Die Reaktion auf Anfragen von Einheimischen bei UGG wirken unterdessen eher irritierend. In einem Kommentar zu diesem Bericht (siehe unten auf dieser Seite) berichtet ein Tutzinger, er habe zwei Tage vor dem Auftritt des UGG-Vertreters im Gemeinderat versucht, bei der UGG-Hotline Auskünfte zu erhalten. Nach langem Suchen der Telefondame sei die Antwort gekommen, dass es den Ort Tutzing nicht gebe und damit dieser Ort auch nicht im Ausbaugebiet des Unternehmens liegen könne.

Wie es um den zur Schau gestellten Eifer der Glasfaser-Anbieter wirklich steht, ist derzeit auch sonst schwer zu beurteilen. Bei „Hello fiber“ herrscht aktuell Funkstille, obwohl es dem Unternehmen Liberty Networks zunächst gar nicht schnell genug gehen konnte. Bis Ende Februar dieses Jahres sollten bei einer so genannten Vorvermarkung 35 Prozent aller Haushalte zusammenkommen. Das hat aber nicht geklappt. Liberty verlängerte die Frist bis Ende Juni. Ob bis zu diesem Zeitpunkt die erhofften 35 Prozent erreicht worden sind, darüber gibt es keine Informationen. "Bisher gilt in Sachen Ausbau der Stand wie auf der Webseite kommuniziert", teilt eine Sprecherin von Hello fiber auf Nachfrage von vorOrt.news mit. Dort steht schon seit längerer Zeit: "Die Frist für die Nachfragebündelung endete am 30. Juni. Ab sofort läuft die Auswertung der Vorbestellungen der Bürger:innen von Feldafing und Tutzing. Die Entscheidung über den Ausbau ab Oktober 2022 wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Bis dahin können sich interessierte Bürger:innen noch melden."

Und wenn schon ein Vertrag mit einem anderen Unternehmen unterschrieben wurde?

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Mitarbeiter von "Hello fiber" waren zeitweise recht aktiv in Tutzing, so wie diese beiden im März dieses Jahres vor dem Edeka-Markt an der nördlichen Hauptstraße. Mittlerweile wird man aus den Plänen von Hello fiber in Tutzing nicht so recht schlau.

Die Deutsche Telekom wiederum hat schon vor Monaten eine klare Vorgehensweise angekündigt: In zwei Stufen werde sie bis zum Jahr 2024 eigenwirtschaftlich im Gebiet von Tutzing ein Glasfasernetz für 5600 Haushalte ausbauen, mit Bandbreiten bis zu 1 Gigabit pro Sekunde. Das Netz werde so leistungsstark sein, dass Arbeiten und Lernen zuhause, Video-Konferenzen, Surfen und Streamen gleichzeitig möglich sein würden. Der Beginn der Vermarktung mit konkreter Glasfaserhausanschluss- sowie Produktbestellung für die Stufe 1 - Tutzing Kernort Nord und Traubing – hat die Telekom fürs vierte Quartal 2022 angekündigt und für die Stufe 2 - Tutzing Kernort Süd, Kampberg, Diemendorf und Monatshausen – im vierten Quartal 2023.

UGG, die Nummer drei, will keine Vorvermarktung, betonte Unternehmensvertreter Gerhard Kaiser. Was aber, wenn Einheimische bei den beiden anderen Anbietern vielleicht schon Verträge oder Absichtserklärungen unterschrieben haben? Auf diese Frage von Claus Piesch (Freie Wähler) gab sich Kaiser im Gemeinderat ganz gelassen. „Deshalb wollen wir auch keine Quote“, sagte er. Weshalb sich die Menschen in Tutzing für UGG entscheiden sollten und nicht für die Telekom, wollte Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) wissen. Dazu sagte Kaiser: „Wir wollen die Gemeinden zu 100 Prozent ausbauen und uns nicht irgendwelche Gebiete rauspicken, was der Wettbewerb durchaus tut.“ Der UGG-Vertreter bezweifelte offen die Komplettausbau-Versprechungen anderer Unternehmen. Zum Teil würden trotz anderer Zusagen nur 60 bis 70 Prozent ausgebaut: „Dann müssen Sie das den Bürgern erklären, die erst später Glasfaser bekommen – das finden wir unfair.“ Die Telekom habe erklärt, dass sie maximal 30 Prozent von Deutschland mit Glasfaser ausbauen könne. Interessant ist in Zusammenhang die im Kommentar unten zitierte Erklärung der Telekom zum Ausbau im Unterzeismeringer Außenbereich, für die paar Häuer lohne sich keine Investition. Demgegenüber versicherte UGG-Mann Kaiser im Gemeinderat, sein Unternehmen habe sich den Glasfaser-Ausbau in Tutzing mit allen seinen Ortsteilen auf die Fahnen geschrieben, ebenso in Neubaugebieten.

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"Wir wollen die Vorgärten nicht zerstören"

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Für den so genannten "Point of Presence" (PoP) - will UGG von der Gemeinde Tutzing ein Grundstück pachten. Im Bild eine solche Verteilerstation von Vodafone. © Vodafone / obs

Dabei verwies Kaiser auf die beiden Eigentümer von UGG, den Allianz-Konzern und den spanischen Telekommunikationskonzern Telefonica. Die Allianz sei als starker Finanzpartner wichtig wegen der Langfristigkeit und Stabilität des Projekts. Und in Spanien verfügten schon rund 80 Prozent der Haushalte über FTTH, in Deutschland liege dieser Anteil dagegen erst bei 20 bis 25 Prozent. Telefonica verfüge auf diesem Gebiet über ausgiebige Erfahrungen. Das gelte allein schon beim Tiefbau, für den Firmen derzeit schwer zu finden seien: „Aber wir haben mehr als 20 Firmen, die Gewehr bei Fuß stehen.“ Auf eine kritische Frage von Stefan Feldhütter (Freie Wähler), ob sich UGG wirklich zum Anschluss sämtlicher Kunden verpflichte, berief sich Kaiser auf eine Straßenliste mit allen Gebäuden, die Grundlage der Arbeit sei.

Die Frage von Mitschke-Collande, ob es sich um einen exklusiven Ausbau des Glasfasernetzes durch UGG in Tutzing handele, beantwortete Kaiser mit „jein“: Das Telekommunikationsgesetz verlange, dass jeder Anbieter auftreten könne - auch ohne dass die Gemeinde zustimme. „Wir wollen das aber gern mit Ihnen abstimmen.“ Mit der Gemeinde strebe das Unternehmen eine Absichtserklärung an. Ludwig Horn (CSU) hakte kritisch nach: Wie denn die Gemeinde trotz einer Absichtserklärung ihre Neutralität wahren könne? Der Bayerische Gemeindetag hatte den Kommunen nämlich unter Hinweis auf befürchtete Wettbewerbsverzerrungen von Verträgen abgeraten. Aber Kaiser berief sich eben auf den Gemeindetag, mit dem die Vorgehensweise abgesprochen sei. Von der Gemeinde will UGG auch ein Grundstück anpachten, um dort eine Verteilerstation („PoP“) aufzustellen. Beim Ausbau werde man schonend vorgehen, versprach Kaiser: „Wir wollen die Vorgärten nicht zerstören.“

Die Haupttrassen sollen in der Regel im Geh- oder Radweg verlegt werden und sonst im Grünstreifen oder in der Straße. Ein Ansprechpartner für das Projekt werde in Tutzing zur Verfügung stehen, versicherte Kaiser auf Fragen von Rathaus-Geschäftsleiter Marcus Grätz. Ein deutschsprachiger Bauleiter am Ort sei sichergestellt. Die Verkabelung innerhalb der Gebäude werde man in der Regel beibehalten können.

Was macht "Unsere grüne Glasfaser" so grün?

Den Firmennamen „Unsere grüne Grasfaser“ wollte Bernd Pfitzner von den Grünen genau erklärt haben. Er fragte, was denn UGG so grün mache, und witzelte: „Ist das Greenwashing oder die Farbe des Kabels?“ Kaiser argumentierte unter anderem mit „enormer“ Energieeinsparung, nämlich um 60 Prozent, gegenüber den herkömmlichen Kupferkabeln. Ein Hinweis, von dem sich Pfitzner nicht so recht überzeugt zeigte: „Das machen die mit der Magenta-Farbe auch“, sagte er, „oder machen Sie nur Ökostrom?“ Eine Antwort darauf gab es nicht.

Für die Kunden soll der Glasfaseranschluss bis ins Haus (FTTH) kostenlos sein, falls sie einen Vertrag mit dem Telefonica-Unternehmen O2 abschließen. Wie es bei anderen Telekommunikations-Anbietern aussieht, hängt von denen ab. Wer keinen Vertrag abschließen will, muss für den Ausbau bezahlen: 636,65 Euro für die ersten zehn Meter plus 178,50 Euro je fünf Meter bei größeren Entfernungen, und nach der Angebotsphase 892,50 Euro für zusätzlich anfallende Baukosten.

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Comments

Jürgen Walther am 09.10.2022 - 11:52
Na toll! Noch ein Interessent für den Glasfaserausbau! Das wir wohl dazu führen, dass in der Hauptstrasse eine Vielzahl von Glasfaserbündeln liegt, aber außenrhalb des Ortsbereiches bleibt die IT-Wüste. Die Telekomm hat vor einiger Zeit auf meine Anfrage zum Ausbau im Unterzeismeringer Außenbereich von sinngemäß verlauten lassen: für die paar Häuer lohnt sich keine Investition. Der andere Bewerber HelloFiber hat sich inzwischen wohl sang und klanglos verabschiedet: deren Hotline ist entweder überhaupt nicht mehr erreichbar oder sie ist ist - nach dem Klingelton zu schließen - nur noch in die USA geschaltet.
Es ist zu bezweifeln, dass UGG mehr schafft, auch wenn die Worte des Vertreters im Gemeinderat noch so sehr die allgemein bekannten Vorteile der Glasfaser hervorheben. Es bleibt die entscheidende Frage offen wie die Galsfaser in die Häuser kommen soll - insbesondere auch im sog. Außenbereich -, ebenso fehlt jede Aussage zu den Anschluß- und späteren Betriebskosten. Zwei Tage vor dem Auftritt des UGG Vertreters habe ich versucht bei der UGG-Hotline Auskünfte zu erhalten, nach langen suchen der Telefondame kam die Antwort, dass es den Ort Tutzing nicht gibt und damit dieser Ort auch nicht in ihrem Ausbaugebiet liegen kann. Die IT-Wüste lässt grüßen!
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