Gemeindeleben
25.1.2019
Von vorOrt.news

Interessenten für Wohnungen: Bitte melden

Initiatoren einer lokalen Baugenossenschaft in Tutzing bitten bei Infoversammlung um konkrete Wünsche

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Die Infoversammlung für eine lokale Tutzinger Baugenossenschaft stieß heute Abend auf viel Interesse © L.G.

Die Wohnungsprobleme führen in Tutzing zu leidenschaftlichen Initiativen. Gestern Abend gab es einen Anlauf für eine lokale Baugenossenschaft im „Tutzinger Hof“. Deren Initiatoren versuchen, Mitstreiter für ihre Idee zu finden, bei der Mieter auch gleichzeitig Eigentümer sein sollen. Das Interesse unter den rund 50 Besuchern war sehr groß.

Als Vorbild zeigte die Regisseurin Uli Bez einen Film, in dem sie die Entstehung eines Münchner Gebäudes durch eine Baugenossenschaft dokumentiert. Sie selbst wohnt dort am Ackermannbogen, und sie wirkte begeistert von dem Modell mit 53 Wohnungen. Nach ihrer Überzeugung können Menschen, die nicht allzu viel Geld haben, über so eine Möglichkeit zu relativ günstigem Wohnraum kommen. Als genauso wichtig stellte sie Vorteile für das Gemeinschaftsleben der Bewohner dar. Die meisten von ihnen haben sich auf diesem Weg erst kennengelernt, es sind Freundschaften entstanden, und die Bereitschaft zu gegenseitiger Unterstützung scheint groß zu sein.

Michael Ehgartner, einer der Initiatoren in Tutzing, bat Interessenten, ihre konkreten Wünsche per E-Mail unter der Adresse [email protected] mitzuteilen: Zahl der Personen, Wohnfläche, Zahl der Zimmer und Zahl der Stellplätze. Diese Angaben sollen darüber Aufschluss geben, ob in Tutzing ausreichend Interesse für so eine Baugenossenschaft vorhanden ist. Für so ein Projekt wäre allerdings eine Menge Vorarbeit zu leisten. So steht bisher für so eine Modell kein Grundstück zur Verfügung - und das ist ein ziemlich teurer Aspekt.

Kommunale Gesellschaft für Immobilien stößt im Gemeinderat auf Skepsis

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Vielleicht baut in Tutzing bald eine neue Genossenschaft? © L.G.

Einer der Initiatoren ist Bernd Pfitzner, Gemeinderat der Grünen in Tutzing. Er setzt sich auf mehreren Ebenen für neue Wohnlösungen ein: Bei der Baugenossenschaft ist es ein privater Vorstoß, aber auch im Gemeinderat hat Pfitzner in den vergangenen Wochen für ein Konzept gekämpft - nämlich kommunal. Mit einem Antrag der Grünen plädierte er für die Gründung einer Wohnungs- und Grundstücksgesellschaft durch die Gemeinde Tutzing. Aber dieser Vorschlag ist bei den anderen Gemeinderäten auf allerlei Skepsis gestoßen. Abgelehnt wurde er allerdings nicht. Im Hauptausschuss soll weiter über dieses Thema diskutiert werden.

Pfitzner sah in einer kommunalen Gesellschaft die Chance auf etliche Vorteile: Die Immobilien der Gemeinde könnten so besser verwaltet und wirtschaftlicher geführt werden, die Gemeinde könne mit so einer professionellen Führung auch finanziell profitieren, und nicht zuletzt könnten Leerstände vermieden werden. Dabei verwies Pfitzner beispielhaft auf das schon lange nicht mehr bewohnte Mayr-Haus an der Hauptstraße neben dem Gymnasium, das der Gemeinde gehört. Er nannte auch die Gaststätte Tutzinger Keller und Gebäude nahe des Feuerhauses, die beide nicht in bestem Zustand seien.

Andere Gemeinderäte zeigten sich zwar angesichts der Wohnungsmisere generell aufgeschlossen für neue Wege, zweifelten jedoch an der Eignung einer kommunalen Gesellschaft für diesen Zweck. Ein bei der Sitzung anwesender Experte hieb dann in die selbe Kerbe: Andreas Pritschet, Vorstandsmitglied des Verbands bayerischer Wohnungsunternehmen. Praktische alle kommunalen Gesellschaften auf diesem Gebiet in Bayern sind Mitglieder dieses Verbands, wie er sagte. Pritschet bestätigte zwar die Gründung neuer kommunaler Wohnbaugesellschaften zum Beispiel in Erlangen, Neu-Ulm oder Bischofswiesen. Doch in der Regel sei hierfür eine „kritische Masse“ notwendig, Personal, Geld und besonders ein ausreichender Bestand an Wohnungen, Gewerbeeinheiten oder Grundstücken für Neubauten. 200 bis 300 Einheiten wären nach seinen Angaben erforderlich. Und das, sagten mehrere Gemeinderäte, sei in Tutzing nicht der Fall. Der einzige Weg, der einigen Rednern sinnvoll erschien, wäre eine interkommunale Wohnungsbaugesellschaft, also eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet mit einer oder mehreren anderen Gemeinden. Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) erwähnte die Gemeinde Pöcking, weil sie über einen relativ großen Immobilienbestand verfüge.

Einen weiteren Ansatz für neue Wege aus der Wohnmisere gibt es in der Kommune: das im vorigen Jahr vom Gemeinderat beschlossene „Tutzinger Modell“ für „sozialgerechte Bodennutzung“ (SoBoN): Wo neues Baurecht geschaffen wird, soll ein Teil davon für günstigeren Wohnraum verwendet werden können. Wenn im Gemeinderat oder im Bauausschuss über neue Bauvorhaben gesprochen wird, schwingt seitdem auch immer das Thema SoBoN mit. Aber bisher ist daraus konkret noch nichts geworden. Dieses Modell scheint nicht so leicht umsetzbar zu sein.

Quelle Titelbild: L.G.
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Comments

Sehr geehrter Herr Gosling,

Ihr Bericht ist hochinteressant und geht hinsichtlich dieses so wichtigen Themas in die Tiefe. Im Sinne des journalistischen Transparenzgebots fände ich es jedoch wichtig, dass Sie, in Hinblick auf Immobilienthemen, ihren eigenen Hintergrund offenlegen. Da Sie selber Wohnungen vermieten, sind Sie bezüglich dieses Themas zwangsläufig kein gänzlich unabhängiger Berichterstatter. Die vorOrt.news sind dann keine lokalen Nachrichten mehr von Bürgern für Bürger, sondern von Unternehmern und Interessengruppen für Bürger. Ist der Hintergrund bekannt, kann der Artikel entsprechend gelesen werden.

Viele Grüße
Thorsten Kerbs
(Bearbeitet)
Sehr geehrter Herr Kerbs,

vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar. Da es sich meiner Meinung nach um ein sehr grundlegendes Thema handelt, möchte ich Ihnen etwas ausführlicher antworten.

Tatsächlich wäre eine größere Transparenz im Journalismus wünschenswert. Wenn jemand beispielsweise über Aktien schreibt und selbst Aktien besitzt, sollte er dies erwähnen - erst recht, wenn er in einem viel gelesenen Finanzblatt eine Aktie empfiehlt, deren Kurs daraufhin steigt und er selbst davon profitiert. Wenn jemand über die Kirche schreibt, wäre interessant zu erfahren, ob er selbst regelmäßig in die Kirche geht oder ausgetreten ist. Oder nehmen wir aktuelle Beispiele: Dieser Tage wird über die Erfahrungen von Flüchtlingshelfern, Forderungen nach einem Tempolimit und homosexuelle Arbeitnehmer berichtet. Würden die jeweiligen Journalisten immer auch mitteilen, wie sie selbst das Thema Migration beurteilen, ob sie vorsichtig Auto fahren oder gern mal so richtig Gas geben und wie sie zur Homosexualität stehen, dann könnte man ihre Berichte gewiss besser beurteilen.

Ganz besonders hilfreich wäre eine Aufdeckung der Hintergründe bei dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen, wie Sie richtig schreiben. Das gilt für Journalisten ebenso wie für viele andere Berufsgruppen. Auch bei Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern würde ich mir oft, wenn sie Diskussionsbeiträge bringen und Entscheidungen treffen, eine Offenlegung ihrer persönlichen Hintergründe wünschen. Bei politischen Berichten und Kommentaren würde es den Lesern und Zuschauern sehr weiterhelfen, wenn die betreffenden Autoren gleich am Anfang ihre eigenen Meinungen beschreiben würden. Alles das geschieht nicht oder nur in Ausnahmefällen. Vielleicht helfen Äußerungen wie die von Ihnen auf diesem Weg weiter.

Die Spielregeln nicht nur in den Medien, sondern in vielen Bereichen der Gesellschaft sind - noch - nicht so, wie Sie es anregen. Bei den meisten Journalisten bleibt ihr eigener persönlicher Hintergrund ebenso im Verborgenen wie bei Akteuren auf vielen anderen Feldern. So berichten Menschen, die vielleicht der CSU nahestehen, über die Grünen oder die Linken und umgekehrt oder Journalisten, die möglicherweise Fans des TSV 1860 sind, über den FC Bayern. Ein lokales Portal wie vorOrt.news ist allerdings schon wegen der Bekanntheit vieler Einheimischer untereinander transparenter. Meine familiären Verhältnisse kennen viele Tutzinger. Sie sind kein Geheimnis, und ich bestätige Ihnen gern, dass meine Familie über Immobilieneigentum verfügt.

Im Fall der Berichterstattung über die lokale Baugenossenschaft ist mir jedoch nicht ganz klar, wo eine Voreingenommenheit aus Sicht eines Vermieters liegen könnte. Denn dieser Ansatz soll ja gerade ein günstigeres Gegenmodell zu den teils sehr hohen Mieten liefern. Damit ist es eher gegen die Interessen von Vermietern gerichtet, denn künftige Genossenschaftsmitglieder fallen ja als potenzielle Mieter weg. Im Interesse eines Vermieters wäre es also eher, über so ein Modell überhaupt nicht zu berichten.

In langer journalistischer Tätigkeit habe ich gelernt, dass man als Berichterstatter seine persönlichen Meinungen in den Hintergrund stellen kann. Ich habe überhaupt kein Problem damit, über die Versammlung einer politischen Partei zu schreiben, die meinen eigenen Überzeugungen widerspricht, oder über Äußerungen von Gemeinderäten, die ich nicht für richtig halte. Als Journalist versuche ich, ihnen allen ein Forum zu bieten, unabhängig von meiner eigenen Meinung und meinen eigenen Interessen.

Ich gestehe gern zu, dass dies ein großer Anspruch ist und dass es wahrscheinlich nicht immer perfekt gelingt. Aber es gibt ein gutes Korrektiv: Das Kapital eines Journalisten ist seine Glaubwürdigkeit. Wenn es gelingt, sie einigermaßen aufrecht zu erhalten, dann werden die Leser, Hörer oder Zuschauer seine Veröffentlichungen schätzen. Gelingt es ihm nicht, dann werden sie ihm den Rücken kehren. Ich freue mich sehr über nach wie vor steigende Nutzerzahlen von vorOrt.news.

Mit besten Grüßen
Lorenz Goslich
(Bearbeitet)
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