Energie
21.9.2026
Von vorOrt.news

„Energy Sharing“ und eine überdachte Tribüne

Immer höhere Kosten und Energie-Anforderungen: Wo ist die beste Lösung für die Würmseehalle?

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Die Tutzinger Würmseehalle war schon bei ihrer Eröffnung im Jahr 2011 mit Mängeln behaftet © L.G.

Ein Dach, das an einer Stelle noch immer Wasser durchlässt. Eine Heizung, die so viel Gas verbraucht wie ein ganzes Wohnviertel. Und eine Photovoltaik-Idee, die seit Jahren auf ihren Moment wartet: Die Würmseehalle war die erste von vier Stationen beim „MiTgehtag" der neuen Tutzinger Initiative „MiTeinander" (MiT), einem Rundgang zu Orten, an denen beispielhaft für die Energiewende im Ort gearbeitet werden soll. Und gerade bei dieser Halle zeigte sich, wie schwierig das sein kann.

Organisator Nick Tewes begründete die Wahl auch damit, dass dieser Ort eine Geschichte erzähle: Ein Gebäude sei gebaut worden, es habe ein Problem bekommen, und die naheliegende Lösung – die Baufirma in die Pflicht zu nehmen – habe sich als Sackgasse erwiesen. Geblieben sei ein Sanierungsbedarf ohne Geld dahinter. Genau daraus sei die Frage entstanden, auf die eine Antwort gesucht wurde: Lässt sich eine Energielösung finden, die die Sanierung mitfinanziert und den Betrieb langfristig günstiger macht – auch für die Sportlerinnen und Sportler, die hier trainieren?

Dass die Gruppe zu Fuß unterwegs war, ist kein Beiwerk, sondern Methode. Michael Grimm, der für die ETH Zürich in der Weiterbildung arbeitet und dort das Programm „Designing Resilient Regenerative Systems" begleitet, erläuterte das Format: Man lerne am besten, wenn man Dinge tatsächlich erlebe, und im Gehen arbeite das Gehirn anders als im Sitzen. Die fünf Minuten zwischen zwei Stationen seien deshalb der Kitt, der alles zusammenhalte – Zeit, um Eindrücke zu sortieren, Kontakte zu knüpfen und Ideen weiterzugeben. Die Teilnehmenden bekamen Karten, um unterwegs Beobachtungen, Wünsche und Einfälle zu notieren. Dahinter steckt ein systemischer Ansatz: Was die Gruppe gemeinsam wahrnimmt, soll später ausgewertet werden. Und es steckt ein demokratischer Gedanke darin, wie Grimm betonte – sich wieder begegnen, diskutieren und aushalten, dass andere andere Ideen haben, statt alles, was außerhalb der eigenen vier Wände passiert, der Politik zu überlassen.

Die Gebühren mussten deutlich angehoben werden

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Höhere Kosten, höhere Gebühren für Schulen und Vereine: "Ich habe den schlechten Teil - ich muss die Probleme beschreiben", kommentierte Bürgermeister Ludwig Horn. Aber es gab auch Lösungsvorschläge. © Nick Tewes

Bürgermeister Ludwig Horn machte die Größenordnungen greifbar. Rund 300 000 Kilowattstunden Gas verbrauche allein das Heizen der Halle im Jahr – so viel wie etwa zehn bis 15 Einfamilienhäuser. Dazu kommen lange Leitungswege und Hygienevorgaben, die hohe Temperaturen erzwingen. Einzelne Bausteine gibt es bereits: eine kleinere Wärmepumpe und Solarkollektoren auf dem Flachdach, beides nach Horns Worten aber zu klein, um die Verbräuche ernsthaft zu drücken.

Die Folgen spüren die Nutzer: Weil Energie- und Betriebskosten stark gestiegen sind und Kommunen angehalten sind, Kosten verursachergerecht umzulegen, mussten die Gebühren deutlich angehoben werden – trotz Zuschüssen der Gemeinde. Betroffen sind die Schulen, der TSV Tutzing und mehrere kleinere Vereine. Die Dachsanierung selbst schlägt mit rund einer Million Euro zu Buche. Horn beschrieb das Dilemma offen: Eine neue Heizung wäre sinnvoll, das Dach aber unumgänglich – und beides gleichzeitig sprengt den Haushalt. Zugleich warb er dafür, das Problem nicht wegzuschieben: Es sei zunächst eines der Gemeinde, „aber wir alle sind die Gemeinde".

Das Gebäude ist seit Langem ein Sorgenkind. Die Dreifachturnhalle galt schon bei ihrer Eröffnung 2011 als in mehrfacher Hinsicht mangelhaft. Südwand und Sportboden mussten wegen erheblicher Wasserschäden für rund 1,2 Millionen Euro erneuert werden. Im März 2025 sprach sich der Ingenieur Wolfgang Maurer im Gemeinderat für ein Walmdach aus, während mehrere Ratsmitglieder mit Blick auf Photovoltaik für ein Pultdach plädierten. Die Sanierung und energetische Modernisierung der Würmseehalle steht auch im Maßnahmenpaket, das der Gemeinderat für 2026 aus dem Städtebaulichen Entwicklungskonzept ISEK beschlossen hat. Für die Dachsanierung hoffte die Gemeinde auf Mittel aus der „Sportmilliarde" des Bundes, doch daraus wurde nichts.

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Überdachung der Tribüne und des Parkplatzes mit PV-Anlage?

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Trockene Sitzpläne bei Regen plus Energieerzeugung: Unter anderem ist eine Überdachung der Tribünen im Gespräch © L.G.

Für Gemeinderat Bernd Pfitzner (Grüne) ist das Dach ein alter Bekannter. Das große Dach mit Photovoltaik zu belegen, habe die von ihm mitgegründete Tutzinger Ortsgruppe des Energiewendevereins schon vor Jahren mehrmals ohne Ergebnis vorgebracht. Seit einiger Zeit arbeitet Pfitzner nebenberuflich für die 2011 gegründete Energiegenossenschaft Fünfseenland (EGF), die unter anderem Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden in Herrsching, Seefeld, Wörthsee, Berg und Tutzing betreibt. Sein Modell für Fälle wie diesen: Was die Gemeinde allein nicht stemmen kann, finanzieren Bürgerinnen und Bürger mit – über eine Genossenschaft mit inzwischen mehr als 1000 Mitgliedern, in deren Aufsichtsrat auch Kommunalpolitiker aus dem Landkreis sitzen. Die Kommune bliebe Hauptgesellschafterin, die Bürgerschaft bekäme eine Rendite, und die Vereine profitierten von günstigerer Energie. Pfitzner geht davon aus, dass das ein Zukunftsmodell der Kommunalfinanzierung ist – statt darauf zu warten, dass die Kosten von allein sinken.

Wie aus einem gemeinsamen Blick auf einen Ort eine Idee wird, zeigte Jochen Twiehaus, Gesellschafter des Tutzinger Architektur- und Ingenieurbüros Pfisterer Twiehaus. Beim Rundgang übers Sportgelände sei die Frage aufgekommen, ob sich nicht Tribüne und Parkplatz überdachen und mit Photovoltaik belegen ließen. Zuschauer säßen dann bei Regen im Trockenen, das Gebäude sei nach Süden ausgerichtet, und der Strom käme obendrauf. Eine Parkplatzanlage ist allerdings deutlich teurer als eine Belegung vorhandener Dachflächen. Ein erstes Angebot für Überdachung samt Anlage lag nach Angaben aus der Runde bei etwa einer halben Million Euro. Erzeugen ließe sich an diesem Standort weit mehr Strom, als vor Ort verbraucht werden kann.

Strom von einem Dach könnte auch woanders verbraucht werden

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Blick von oben auf ein undichtes Dach: Die Sanierung soll etwa eine Million Euro kosten © BG

Pfitzner setzte auf eine andere Möglichkeit: Seit dem 1. Juni 2026 ist „Energy Sharing“ mit dem neuen Paragrafen 42c des Energiewirtschaftsgesetzes gesetzlich verankert. Verteilnetzbetreiber sind verpflichtet, das Teilen von Strom in ihrem Netzgebiet zu ermöglichen. Strom von einem Dach dürfte dann rechnerisch woanders verbraucht werden – im Rathaus etwa oder, besonders interessant, bei den Pumpen des Wasserwerks, dem größten Stromverbraucher vieler Kommunen. Der Hochbehälter wäre dabei so etwas wie ein Speicher: Pumpen, wenn die Sonne scheint. Die Genossenschaft arbeitet dafür mit einem Wiener Anbieter zusammen – in Österreich ist das Teilen von Strom längst Alltag – und will im Oktober mit einer Plattform starten. Dass die technische Umsetzung bei den Netzbetreibern vielerorts noch hakt, ist kein Tutzinger Sonderproblem, sondern bundesweit absehbar.

In der Initiative „MiTeinander in Tutzing" sind zwei Arbeitsgruppen entstanden - eine für Wirtschaft, eine für Energie. Beteiligt sind die Bürgerenergie Tutzing, die Energiegenossenschaft Fünfseenland, die Initiative „Tutzing klimaneutral" und der Gewerbeverband. Eine Energiekampagne „Neue Energie für Tutzing" startete am 29. April 2026 mit einer Auftaktveranstaltung im Rathaus, bei der Bürgermeister Horn den Zweck so beschrieb: Man wolle miteinander herausfinden, wie die eigene Energieversorgung aussehen soll und wie man sich dabei gegenseitig unterstützen kann.

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Kommentare

Die Würmseehalle ist fünfzehn Jahre alt und war von Anfang an undicht, was ärgerlich ist. Das viel größere Problem ist die Gasheizung, die im Jahr 300.000 Kilowattstunden verbraucht, so viel wie ein kleines Wohnviertel. Bei den Preisen dieses Herbstes sind das rund 30.000 Euro im Jahr, bezahlt von den Schulen, vom TSV und von den kleineren Vereinen über ihre Gebühren.

2011 wurde die Halle eröffnet. Im selben Jahr beschloss Deutschland unter dem Eindruck von Fukushima die Energiewende. Trotzdem entschied man sich in Tutzing für Gas, denn Gas kam billig aus Russland, und niemand war bereit, über den Preis des Tages hinauszudenken. Heute liegt dieser Preis um ein Vielfaches höher. Russland hat mit dem Geld seinen Krieg gegen die Ukraine finanziert und führt inzwischen auch gegen uns einen hybriden Krieg.

Die Entscheidung von 2011 ist ärgerlich, aber verzeihlich. Weniger verzeihlich ist, was danach kam. Denn es lagen gute Vorschläge auf dem Tisch. Der Energiewendeverein hat mehrmals vorgeschlagen, das große Dach mit Photovoltaik zu belegen, was ausblieb. Die damals errichtete Anlage wäre heute abbezahlt und würde Strom liefern, für den die Vereine nichts mehr zahlen müssten.

Nun hat diese Geschichte jedoch eine Fortsetzung: Als 2023 ein Gesetz kam, das Kommunen und Hausbesitzer aus genau der Kostenfalle führen sollte, in der die Halle heute sitzt, wurde nicht etwa diskutiert. Stattdessen wurde es als „Heizungsgesetz" verhetzt und niedergeschrien, und der Minister, der es vorlegte, wurde so lange zum Feindbild gemacht, bis er sich nicht mehr ohne Personenschutz bewegen konnte. Die Union hat diesen Feldzug geführt und mit Hilfe der SPD gewonnen. Seit Juli dieses Jahres erlaubt das neue Gebäudemodernisierungsgesetz wieder Gasheizungen ohne Erneuerbaren-Pflicht. Während im selben Hitzesommer die Krise am Golf den Gaspreis auf den höchsten Stand seit 2022 treibt und ein Ende der Preisrallye nicht absehbar ist.

Wer solche Fehler nicht wiederholen will, muss benennen, wie sie zustande kamen. Und ursächlich war, dass die Entscheidungen sich am Tagespreis orientierten und nicht am Preis von morgen. Die Folge ist, dass die Ideen engagierter Tutzinger, Sonnenstrom für die Pumpen des Wasserwerks, Module auf dem Hallendach oder über der Tribüne, fünfzehn Jahre zu spät kommen. In Tutzing singt heute niemand mehr das Loblied auf fossile Energie. Aber die Kasse ist leer, die Sportmilliarde des Bundes ging an der Gemeinde vorbei, und das Dach muss trotzdem für eine Million saniert werden. Wer es saniert, ohne Solarmodule gleich mit draufzulegen, zahlt die Montage ein zweites Mal und verliert Geld dadurch, dass kein Sonnenstrom geerntet wird.