Bei einer S6 nach Tutzing ist am Dienstagabend gleich doppelt etwas schief gelaufen. In Feldafing fuhr die Bahn einfach durch den Bahnhof durch, ohne am Bahnhof um 18.31 Uhr anzuhalten, wie es im Fahrplan steht. Kurz darauf kam eine Durchsage der Lokführerin. Sie entschuldigte sich – sie habe den Feldafinger Bahnhof übersehen. Die Fahrgäste, die nach Feldafing wollten, könnten mit der nächsten S-Bahn zurückfahren, sagte sie. Aber damit nicht genug. In Tutzing, an der Endstation, hielt sie dann an – aber so, dass die hinteren drei Waggons nicht am Bahnsteig standen. Als die Fahrgäste aus diesem Bahnteil aussteigen wollten, sahen sie tief unter sich Gleise.
Die Tutzingerin Birgit Stabl war in dieser S-Bahn. „Nur von der allerersten Tür konnte man mit einem großen Schritt schräg den Bahnsteig erreichen“, erzählt sie. Die Fahrgäste, die in den hinteren Zugabteilen waren, gingen deshalb nach vorn zu dieser Tür. Aber mit einem Kinderwagen, einem Rollstuhl oder einem Fahrrad war das Aussteigen an dieser Stelle so gut wie unmöglich. Irgendwann wurden alle Türen verschlossen, wie sich Birgit Stabl erinnert. Dann sei eine weitere Durchsage gekommen, dass der Zug nun wieder nach München fahren werde. Das sorgte unter den Fahrgästen, die immer noch nicht hinaus konnten, für einige Verwirrung. Dann fuhr die Bahn doch in die andere Richtung, so dass sie endlich komplett am Bahnsteig stand. Nun konnten alle Fahrgäste aussteigen – und die anderen, die in Richtung München wollten und geduldig am Bahnsteig gewartet hatten, konnten einsteigen.
Die Bahn will den Vorfall "intern aufarbeiten"
Wir haben bei der Deutschen Bahn nachgefragt. Ein Bahnsprecher bestätigt, „dass die S-Bahn nicht in Feldafing stoppte und in Tutzing zunächst nicht an der richtigen Position zum Halten kam.“ Dies sei auf ein Versehen der Triebfahrzeugführerin zurückzuführen. „Wir bedauern die entstandenen Unannehmlichkeiten für unsere Fahrgäste“, so der Bahnsprecher. Man werde den Vorfall intern aufarbeiten und gegebenenfalls erforderliche Maßnahmen ergreifen. Der Sprecher der Bahn weist aber auch darauf hin, dass im Netz der S-Bahn München die Züge täglich rund 30 000 Mal an Bahnhöfen halten. „Dass ein planmäßiger Halt versehentlich durchfahren wird, stellt dabei eine absolute Ausnahme dar“, versichert er, „die sich aber nicht vollständig ausschließen lässt.“ Wichtig sei, dass zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Reisenden bestanden habe, da kein rotes Signal überfahren worden sei: „Wäre dies der Fall gewesen, hätte die Sicherungstechnik den Zug automatisch abgebremst.“
In Tutzing sei der Zug auf einem anderen Bahnsteiggleis eingefahren als üblich, erklärt der Bahnsprecher weiter. Aufgrund der dort abweichenden Halteposition habe die S-Bahn versehentlich zu früh gestoppt. Nachdem die Triebwagenführerin das bemerkt habe, habe sie die Türen wieder geschlossen und den Zug bis zur korrekten Halteposition vorgefahren.
Die Rückfahrt zum ausgelassenen Bahnhof ist keine Schwarzfahrt - aber dennoch kann "erhöhtes Beförderungsgeld" verlangt werden
Wie sieht die Angelegenheit aber für diejenigen Fahrgäste aus, die eigentlich nach Feldafing wollten? Wenn man in so einem Fall mit der nächsten S-Bahn zurückfährt – braucht man dann eine neue Fahrkarte? Oder wenn man einfach ohne Fahrkarte einsteigt – was ist dann, wenn jemand zur Kontrolle kommt?
„Selbstverständlich entstehen Fahrgästen in solchen Fällen keine zusätzlichen Kosten, wenn sie mit einer anderen S-Bahn zurückfahren“, versichert der Bahnsprecher. Aber wissen die Kontrollpersonen überhaupt von dem betreffenden Vorfall? So einfach ist es offenbar nicht. „Das Kontrollpersonal vor Ort prüft in der Regel ausschließlich, ob ein gültiges Ticket vorliegt oder nicht“, erläutert der Bahnsprecher auf nähere Fragen. Alles Weitere werde erst im Nachgang geklärt.
Also: Wenn die Kontrollperson bereits von dem Haltausfall weiß, wird sie das Ticket akzeptieren, so der Bahnsprecher. Er bestätigt aber auch, dass eine „Fahrpreisnacherhebung“ ausgestellt werden kann, wenn die Kontrollperson von dem Vorfall nichts weiß. Denn dann liege augenscheinlich kein gültiges Ticket für die Fahrt vor. Der Fahrgast, der nach dem Fehler der Bahn mit einer anderen Bahn zurückfährt, um dort auszusteigen, wo er eigentlich hin wollte, wird also – wenn er für diese Rückfahrt keine Fahrkarte gekauft hat – als Schwarzfahrer behandelt. Dafür wird üblicherweise ein "erhöhtes Beförderungsentgelt" von meist 60 Euro verlangt.
Rechtlich gesehen handelt es sich aber nicht um eine Schwarzfahrt, sofern der Fahrgast für die ursprüngliche Strecke ein gültiges Ticket besitzt. In den Beförderungsbedingungen der Eisenbahnen und im deutschen Strafrecht gelten hier klare Regeln. Wenn ein Zug aufgrund eines Fehlers des Verkehrsunternehmens an einem Bahnhof vorbeifährt, an dem er laut Fahrplan hätte halten müssen, greifen die Fahrgastrechte. Der Fahrgast hat dann das Recht, kostenfrei zum eigentlichen Zielbahnhof zurückzufahren. Das ursprüngliche Ticket behält für diese Rückfahrt seine Gültigkeit, da das Transportunternehmen seine vertragliche Pflicht auf der Hinreise nicht ordnungsgemäß erfüllt hat.
Es wird aber empfohlen, dass sich der Fahrgast sofort beim Zugpersonal des Folgezugs melden und die Situation erklären sollte, um Missverständnisse bei einer Kontrolle zu vermeiden. Und da liegt oft das Problem: In der Eile und wegen der unübersichtlichen Lage geschieht das häufig nicht - und es ist gar nicht so einfach, bei einer langen S-Bahn Zugpersonal zu finden und auch noch anzusprechen. Wenn man's aber nicht tut, riskiert man das "erhöhte Beförderungsentgelt“.
„Dagegen kann man in solchen Fällen aber Widerspruch einlegen“, beruhigt der Bahnsprecher. Die Prüfung würde dann nach seinen Angaben ergeben, dass die S-Bahn nicht in Feldafing gehalten habe und dass Fahrgäste daher „via Tutzing und von dort zurückfahren“ mussten. Für den Sprecher ist völlig klar: „Die Fahrpreisnacherhebung wird dann natürlich eingestellt.“
Für den Bahnsprecher gibt es aber auch noch eine „dritte denkbare Variante in diesem speziellen Ausnahmefall“: Dass sich Fahrgäste ein Ticket kaufen und sich anschließend an die S-Bahn wenden, um es erstatten zu lassen.
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Problemlöser Fahrgast
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