Die Abkürzung „ÖV“ steht für "Öffentlicher Verkehr". In Deutschland und Österreich wird meist die Abkürzung "ÖPNV" für "Öffentlicher Personennahverkehr" genutzt. Von der Berliner Denkfabrik Agora Verkehrswende gibt es einen "ÖV-Atlas 2026" - und nach dem ist der Landkreis Starnberg ein Musterschüler des Nahverkehrs. Er kommt dabei unter den Landkreisen im Münchner Verkehrs- und Tarif-Verbund (MVV) auf Platz drei, hinter Fürstenfeldbruck und dem Landkreis München. Bundesweit liegt er auf Rang 22 von 120 städtischen Landkreisen und damit unter den besten 20 Prozent - so meldet es das Landratsamt Starnberg in einer Pressemitteilung. Landrat Stefan Frey sieht in dem Ergebnis eine Bestätigung für den Einsatz des Landkreises.
Am Tutzinger Bahnhof sieht es in dieser Woche anders aus. Seit dem 24. Oktober fährt zwischen Tutzing, Starnberg und München kein einziger Regionalzug, noch bis 9. November sind Busse unterwegs. Die S6 fährt bis Freitag nur zwischen Tutzing und Gauting, von dort geht es mit Ersatzbussen weiter nach Pasing. Das widerspricht dem Ranking aber nur auf den ersten Blick. Der Atlas misst nämlich etwas anderes als das, worüber sich Pendler am Bahnsteig ärgern.
Gemessen wird der Fahrplan, nicht die Verspätung
Grundlage bei diesem ÖV-Atlas sind die Soll-Fahrpläne mit Stand 31. Januar 2026, ausgewertet für einen normalen Werktag zwischen 6 und 20 Uhr. Bewertet wird, wie weit es von der Wohnung bis zur nächsten Haltestelle ist, wie oft dort etwas fährt und mit welchem Verkehrsmittel. Daraus entstehen Güteklassen von A bis F. A steht für ein dichtes Schienenangebot vor der Haustür, F für eine gerade noch nutzbare Anbindung.
Verspätungen, Zugausfälle und Schienenersatzverkehr fließen nicht ein. Agora Verkehrswende weist selbst darauf hin: Die Güteklasse beschreibe das Angebot am Wohnort, nicht die Reisequalität, die Fahrgäste tatsächlich erleben.
Rufbusse und On-Demand-Angebote fehlen ebenfalls weitgehend. Wegen einer neuen Methode lässt sich der Atlas auch nicht mit früheren Angaben vergleichen.
Tutzing nur auf Rang neun im Landkreis
In der Pressemitteilung des Landratsamts kommt Tutzing nicht vor, sie nennt nur die Spitzenreiter Gilching und Weßling. Bei näherer Betrachtung zeigt ein Datenanhang zum Atlas ein gemischtes Bild. Tutzing erreicht eine durchschnittliche Güte von 3,39, das entspricht der Klasse C.
Damit liegt die Gemeinde unter dem Landkreisschnitt von 3,18. Unter den 14 Kommunen im Landkreis reicht das für Platz neun, hinter Gilching, Gauting, Feldafing, Krailling, Weßling, Herrsching, Seefeld und Starnberg. Bundesweit liegt Tutzing in seiner Vergleichsgruppe, den Mittelstädten im städtischen Raum, etwa auf Rang 510 von 1.392.
Rund 3.250 der knapp 9.900 Einwohner haben laut Atlas ein gutes oder sehr gutes Angebot (Klassen A und B). Bei gut 2.580 Menschen, also mehr als einem Viertel, erreicht der Wohnort dagegen nicht einmal die Klasse D. Diese Klasse gilt bei Agora als gutes Grundangebot außerhalb der Großstädte. Für 313 Tutzinger gibt es nach den Kriterien des Atlas überhaupt keine Güteklasse.
Nach Ortsteilen schlüsselt der Datenanhang die Werte nicht auf. Weil die Entfernung zur Haltestelle mitzählt, liegt aber nahe, dass vor allem die Ortsteile abseits des Bahnhofs das Ergebnis drücken. Auch der Takt ist am Ende der Linie dünner: Außerhalb der Stoßzeiten fährt die S6 im 20-Minuten-Takt nur bis Starnberg, nach Tutzing kommt sie dann nur zweimal pro Stunde.
Bei der Pünktlichkeit ist die S6 nach Tutzing Schlusslicht
Wie zuverlässig die Züge fahren, zeigen andere Statistiken. Nach Angaben der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) kamen 2025 in Bayern 84,9 Prozent der Regionalzüge und S-Bahnen pünktlich an, also mit weniger als sechs Minuten Verspätung. Ausgefallene Züge sind dabei nicht mitgezählt, 6,9 Prozent der Fahrten fielen ganz aus. Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) räumte ein, bei der Pünktlichkeit trete man auf der Stelle.
Für die S6 auf dem Westast nach Tutzing nannte die BEG für 2024 eine Pünktlichkeitsquote von 81,5 Prozent. Das war der schwächste Wert aller S-Bahn-Linien im Münchner Westen. Knapp 60 Prozent der Verspätungen gingen laut BEG auf die Infrastruktur zurück, also auf Gleise, Weichen und Stellwerke.
Ein Jahr der Ersatzbusse
In Tutzing ist das kein abstraktes Thema. Im Juni ging zwischen Starnberg und Tutzing wegen einer Signalreparatur einen Tag lang nichts mehr, die S-Bahnen wendeten in Starnberg und Taxis übernahmen den Ersatzverkehr. Im August fuhren drei Wochen lang Busse statt Regionalzügen zwischen München und Starnberg, weil am Westkreuz gebaut wurde. Gleich danach war die Kochelseebahn zwischen Tutzing und Kochel gesperrt. Im September konnten die Züge wegen eines Software-Updates in Tutzing nicht wie üblich geteilt und gekoppelt werden, Fahrgäste nach Kochel mussten umsteigen. Ebenfalls im September rauschte eine S-Bahn durch den Feldafinger Bahnhof, ohne zu halten. vorOrt.news hat darüber berichtet.
Südlich von Tutzing kommt ein Grundproblem dazu: Die Werdenfelsbahn ist dort größtenteils eingleisig, jede Verspätung schaukelt sich auf. Den Ärger um die Strecke gibt es inzwischen seit 13 Jahren. Auch Bernreiter hat sich mit einem Brandbrief an die DB-Infrastrukturgesellschaft InfraGO gewandt. Sein Ministerium kündigt an, die Einschränkungen zwischen München, Garmisch und Mittenwald bis Mai 2027 schrittweise aufzuheben. Ab Dezember 2027 soll ein besserer Fahrplan gelten.
Was das Ranking trotzdem aussagt
Falsch ist der Atlas damit nicht. Er misst, was Landkreis und Gemeinden beeinflussen können: wie dicht das Netz ist, welchen Takt sie bestellen und wie gut der Busverkehr ist. 41 MVV-Buslinien erschließen nach Angaben des Landratsamts die Kommunen des Landkreises. Expressbusse wie X900, X910 und X970 verbinden Knotenpunkte und Gewerbegebiete. Mit 27 Prozent liegt der Anteil der Wege, die mit Bus und Bahn zurückgelegt werden, im MVV-Vergleich auf Platz zwei. Für den Zustand der Schienenwege ist dagegen der Bund mit seinen DB-Gesellschaften zuständig. Das Ranking zeigt also, was der Fahrplan verspricht. Ob er das Versprechen hält, steht auf einem anderen Blatt.
Für Pendler gilt vorerst: Die S6 fährt bis Freitag nur zwischen Tutzing und Gauting. Die Regionalzüge nach München werden noch bis 9. November durch Busse ersetzt. Aktuelle Verbindungen gibt es unter https://www.bahn.de und https://www.mvv-muenchen.de
Seiner Bewertung, das Ergebnis des Landkreises Starnberg im "ÖV-Atlas" sei eine Bestätigung für den Einsatz des Landkreises, hat Landrat Frey noch eine Bemerkung hinzugefügt: Zugleich sei es ein Ansporn, gezielt weiter zu verbessern.
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