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"Der Name Tutzing strahlt international aus"

Journalist Roger de Weck über seine neue Funktion in der Evangelischen Akademie

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Roger de Weck leitet künftig den Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzing © SRG - Danielle Liniger

Er ist ein international angesehener Publizist, Schweizer – und Katholik: Roger de Weck wird neuer Leiter des "Politischen Clubs" in der Evangelischen Akademie Tutzing. Der 68-jährige Sohn eines Bankiers übernimmt das traditionsreiche Ehrenamt von Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse. Der SPD-Politiker Thierse hat die Leitung des Politischen Clubs nach sechs Jahren mit der Sommertagung über „Die Zukunft unserer Demokratie“ Mitte Juni auf eigenen Wunsch abgegeben.

Der neuen Aufgabe an der Spitze des Politischen Cubs begegne er mit Respekt, sagte de Weck in einem Interview mit dem Schweizer kirchlichen Mediendienst www.kath.ch: "Tutzing am Starnberger See ist einerseits ein Ortsname, andererseits ein Markenname, der in Deutschland und international ausstrahlt." Das öffentliche Nachdenken über Skizzen und Konzepte für die Politik von morgen mache seit Jahrzehnten die Tradition des Politischen Clubs aus. https://www.kath.ch/newsd/roger-de-weck-mahnt-die-europaeische-souveraenitaet-steht-auf-dem-spiel/

De Weck ist der 17. Leiter des 1957 ins Leben gerufenen Tagungsformats „Politischer Club“. An dessen Spitze standen zuvor bekannte Persönlichkeiten wie Heinz Burghart, Dieter Schröder, Paul Noack, Kurt Sontheimer, Klaus Bölling (SPD), Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP), Heiner Geißler (CDU), Theo Waigel (CSU), Hans Eichel (SPD) und Günther Beckstein (CSU). De Weck ist nach Wolfgang Thierse der dritte Katholik in diesem Amt. Im Herbst startet er mit der Tagung „Deutschland und Osteuropa“, die sich vom 11.-13. November 2022 mit dem Umdenken seit dem Ukrainekrieg und einer zukunftsfähigen Ostpolitik auseinandersetzen soll. Inhalt der Tagung sollen nach Angaben der Akademie ein "Umdenken" Deutschlands und der EU seit dem russischen Angriffskriegs sowie eine andere Ostpolitik sein.

"Die europäische Souveränität steht auf dem Spiel"

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Prominente Impulse: Eine Delegation des Politischen Clubs war in den 1960-er Jahren beim damaligen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zu Gast © Évangelische Akademie Tutzing Archiv

Im Interview mit www.kath.ch hat de Weck dies nach seiner Tutzinger Ernennung näher erläutert. Die lang verfolgte Ostpolitik der Bundesrepublik und weiter Teile der EU gehe nicht mehr auf, sagte er: "Ein allgemeines Umdenken hat eingesetzt." Aber ebenso selbstverständlich sei es, dass die Europäische Union und Deutschland auch künftig einer Ostpolitik bedürften. Die Bundesrepublik habe sich in die Abhängigkeit des Kreml begeben. Nun liege die Aufgabe darin, an der deutschen und europäischen Unabhängigkeit zu arbeiten: Auch im Sinne dessen, was der französische Staatspräsident Emmanuel Macron schon 2017 in die Diskussion einbrachte: die 'europäische Souveränität'." Die europäische Souveränität stehe auf dem Spiel, bekräftigt de Weck in dem Interview. Europa dürfe sich nicht einschüchtern lassen durch einen Angriffskrieg, durch Wladimir Putin, durch "diesen mächtigen Unterstützer der antiaufklärerischen, antidemokratischen, antisozialen und antiökologischen Rechtsextremisten".

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Akademiedirektor Hahn: de Weck wird von außen eine neue Perspektive einbringen

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Wolfgang Thierse hat sechs Jahre lang den "Politischen Club" der Evangelischen Akademie Tutzing geleitet © www.thierse.de

Roger de Weck, der aus Freiburg im Üechtland im französischsprachigen Schweizer Mittelland stammt, war in den 1990er Jahren Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit und des Zürcher "Tagesanzeigers". Er war Chairman of the Board des Graduate Institute of International and Development Studies in Genf und von 2011 bis 2017 Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR). Er ist Autor des Bestsellers „Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?“. 2020 erschien bei Suhrkamp der Band „Die Kraft der Demokratie – Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre“, für den er mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch ausgezeichnet wurde. Der zweisprachige de Weck ist Stiftungsrat des Internationalen Karlspreises in Aachen, außerdem gehört er dem Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung sowie dem Wissenschaftlichen Beirat des Journals „Critique Internationale“ (Sciences Po Paris) an. Die Philosophische Fakultät der Universität Freiburg hat ihm den Ehrendoktortitel verliehen.

Nach Überzeugung von Akademiedirektor Hahn wird de Weck mit seinem Blick von außen eine neue Perspektive in den Politischen Club einbringen: "Als Persönlichkeit, die über Partei- und Ländergrenzen hinweg anerkannt ist, passt er vortrefflich in die Reihe der bisherigen Leiterinnen und Leiter.“ Der Politische Club ist das älteste Tagungsformat der Evangelischen Akademie Tutzing. Mit jährlich drei Veranstaltungen sei er seit den Anfängen "ein Seismograph für die politische Debatte und eine Geburtsstätte reformerischer Impulse", so die Akademie. Immer wieder sei es dem Politischen Club gelungen, nachhaltige Ansätze für das politische Denken und Handeln in der Bundesrepublik Deutschland zu geben. Der wohl prominenteste politische Impuls verbinde sich mit Egon Bahr, der 1963 in der Evangelischen Akademie Tutzing das Motto der Ostpolitik Willy Brandts geprägt hat: „Wandel durch Annäherung“. Auch in Hinblick auf die deutsche Vereinigung 1990 und das Zusammenwachsen Europas seien im Politischen Club der Evangelischen Akademie grundlegende Konzeptionen erarbeitet worden, die später in die politische Praxis übernommen worden seien.

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