Ortsplanung
13.4.2022
Von vorOrt.news

Gespannte Blicke auf die Ortsmitte

Pflasterung soll Platzcharakter verstärken - Sanierung zeitweise unter Vollsperrung

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Das Tutzinger Ortszentrum steht vor einer Neugestaltung. Die Straße soll saniert, ihr Umfeld aufgewertet werden. Den alten Tengelmann/Edeka-Bau (rechts) soll ein von der Straße abgerückter Neubau ersetzen. © L.G.

Die lange erwartete Sanierung der Hauptstraße im Tutzinger Ortszentrum soll im Frühjahr 2023 beginnen. Nach Vorarbeiten ab Herbst dieses Jahres soll der Start dieser Arbeit mittendrin sein: an der Einmündung der Traubinger Straße. Das hat Gemeinderat Claus Piesch bei der Veranstaltung „Tutzinger Mitte lebendig gestalten“ mitgeteilt, die die Tutzinger Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in der Rotunde der Evangelischen Akademie veranstaltet hat. Als Grund für den Beginn der Arbeiten mitten im Ort nannte Piesch, der stellvertretender ADFC-Ortsgruppensprecher ist, eine erforderliche Sanierung des Kanals, der sehr tief liege.

Kurze Strecken der Straße werde man wohl sperren müssen, sagte Piesch, weil der Kanal nicht gerade, sondern mal weiter links und mal weiter rechts verlaufe. Er werde im Verlauf der Arbeiten etwas verschwenkt werden. Trotz der Sperrungen werde man aber alle Bereiche erreichen können – wie bei Sackgassen. Die betroffenen Anwohner würden rechtzeitig informiert werden, wenn sie mal zwei oder drei Tage lang nicht mit dem Auto zu ihren Häusern gelangen könnten. Gehwege soll es weiter geben, Radfahrer werden eventuell kurze Strecken absteigen und schieben müssen.

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Eine neue Straßenrundung, wie sie dieses Panoramabild suggeriert, wird es in Tutzing nicht geben. Aber gewisse "Verschwenkungen" der Hauptstraße sind vorgesehen. Start der Bauarbeiten soll an der Einmündung der Traubinger Straße sein (rechts). © L.G.
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Das Gemeinschaftsprojekt wäre fast gescheitert

Dass die Gemeinde Tutzing ihre Ortsmitte bis hin zu den Fußwegen in Zusammenhang mit der Straßensanierung neu gestalten kann, bezeichnete Piesch als Glücksfall. „Das Staatliche Bauamt ist immer auf die Gemeinde zugegangen – so können wir für alle Verkehrsteilnehmer das Beste rausholen, was in dieser Situation machbar war.“

Bürgermeisterin Marlene Greinwald bestätigte das: „Das Bauamt hätte auch einfach eine Teerdecke machen können.“ Abwasser- und Trinkwasserkanäle seien aber ziemlich veraltet, die Fußwege teilweise nicht mehr zumutbar gewesen. „Wir haben gesagt, wir schalten uns alle zusammen“, sagte die Rathauschefin über die Zusammenarbeit von Staatlichem Bauamt Weilheim, Abwasserverband Starnberger See und Gemeinde Tutzing. Fast gescheitert sei das allerdings am Thema Regenwasserableitung, weil der Staat nicht zu einer geforderten höheren Mitfinanzierung bereit gewesen sei. Aufmerksame Blicke in Tutzings Untergrund Der Staat beteilige sich immer noch nicht mit dem erhofften Anteil, doch das habe man mittlerweile akzeptiert: „Sonst wären wir immer noch nicht soweit.“

Bürgermeisterin Greinwald: "Es wird ein hartes Jahr"

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Aufweitung und Neugestaltung: Das Hauptgebäude des Nachfolgebaus von Tengelmann/Edeka (links) soll von der Hauptstraße abrücken, so dass gegenüber der Marienstraße (rechts Mitte) mehr Platz entsteht. Rund um die Bauten Eisdiele und Vetterlhaus (93) soll eine Pflasterung den Aufenthaltscharakter verstärken, die Leidlstraße (rechts unten) soll künftig nicht mehr befahrbar sein. © Prof. Florian Burgstaller

Unterschiedliche Beurteilungen der mit den Arbeiten beauftragten Straßenbaufirmen klangen bei der Versammlung durch. Mit der Firma Kuttner, die die Arbeiten im Südbereich erledigt hat, sei die Gemeinde „sehr zufrieden“ gewesen, sagte Bürgermeisterin Greinwald. „Im Norden ist es eine andere Firma“, fügte sie hinzu, „die macht es etwas anders.“ In Hinblick auf die bevorstehenden Arbeiten im Ortszentrum fügte sie hinzu: „Es wird ein hartes Jahr – aber da müssen wir jetzt durch.“

Die Fahrbahn soll in der Ortsmitte durchgehend 6,50 Meter breit sein, im Zentrum soll es aber nicht Radschutzstreifen geben wie im Süden (1,25 Meter breit) und im Norden (1,50 Meter breit). Mit verschiedenen Maßnahmen hoffe man beim Verkehr Geschwindigkeitsreduzierungen erreichen zu können, sagte Piesch. Für Autos sind entlang der Hauptstraße abgetrennte Parkbuchten vorgesehen.

„Der Andechser Hof – wenn’s da noch weitergeht – rückt weiter weg von der Straße“, sagte Piesch. Eine Querungshilfe soll es bei der Hallberger Allee geben. Die Randsteine sollen ein acht Zentimeter hohes „Hochbord“ erhalten, das stellenweise auf sechs Zentimeter abgesenkt, am Fischergassl und bei der Eisdiele aber wegen Hochwasser erhöht werden soll.

Die Busse sollen an den Haltestellen auf der Fahrbahn stehenbleiben. Dort wird der Fußweg erhöht, um barrierefreien Einstieg zu ermöglichen.

"Ein Zentrum, das den Begriff Zentrum wirklich verdient"

Auf einem Plan war eine Pflasterung nicht nur entlang der Hauptstraße zu erkennen, sondern auch in die Schlossstraße hinein, in der gesamten Leidlstraße, die künftig nicht mehr befahrbar sein soll, und an der Einmündung der Marienstraße – quasi rund um Eisdiele und Vetterlhaus herum. Das Abrücken des geplanten Tengelmann/Edeka-Nachfolgebaus von der Hauptstraße gegenüber soll zusätzlich einen Platzcharakter erzeugen. Alles das soll ein Zentrum ermöglichen, „das den Begriff Zentrum wirklich verdient“, sagte Piesch.

Um optisch den Beginn des Zentrums zu verstärken, soll der Fahrbahnbelag ab Traubinger Straße eine andere Färbung bekommen. Die Einmündung der Traubinger Straße soll aufgeweitet werden, damit die Kinder aus dem Schulbus auf der von der Straße abgewandten Seite ein- und aussteigen können.

Kreuzung Oskar-Schüler-Straße: "Baustelle mit ganz vielen Unsicherheiten"

Als „eine Baustelle mit ganz vielen Unsicherheiten“ bezeichnete Piesch die Einmündung der Oskar-Schüler-Straße in die Hauptstraße. Am Barbaraweg, der dort in die Hauptstraße mündet, werde einiges anders gestaltet werden. Vielleicht werde man ihn künftig mit Autos nur noch von oben befahren können.

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Was kommt auf die Tutzinger Geschäftswelt zu? Die Sperrungen in der ersten Phase der Bauarbeiten haben etlichen Ladenbetreibern und Gastronomen deutliche Umsatzeinbußen beschert - nicht nur wegen beschränkter Erreichbarkeit in Tutzings Mitte (Bild links), sondern auch, weil auswärtige Kunden beispielsweise in Bernried (Bild Mtte) und in Seeshaupt (Bild rechts) regelrecht vor Fahrten nach Tutzing gewarnt wurden. Der abschreckende Hinweis "Zufahrt bis Südbad frei" stand über lange Zeit in Bernried, als die Tutzinger Ortsdurchfahrt längst wieder frei befahrbar war. © L.G.

Die Kirchenstraße soll spätestens Ende dieses Jahres wieder befahrbar sein

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Abgesperrt: In der Kirchenstraße geht es zurzeit ab Film-Taverne in Richtung Krankenhaus nicht weiter. Das wird wohl noch ein paar Monate so bleiben. © L.G.

Eine wesentliche Ausweichstrecke für die Hauptstraße soll laut Piesch während der Bauarbeiten in Tutzing-Mitte die Kirchenstraße sein. Um dies zu ermöglichen, soll dort demnächst die Brücke neben der „Film-Taverne“ saniert werden. Aus dem Publikum gab es Nachfragen, wann die Kirchenstraße wieder befahrbar sein soll. Ende dieses Jahres, eventuell schon früher soll das der Fall sein, erwiderte Piesch. Die Brücke sei in etwas besserem Zustand als befürchtet.

Mehr als 20 Bäume sollen laut Piesch gepflanzt werden, bestehende Bäume sollen erhalten bleiben. Auch dies soll zur Verkehrsberuhigung beitragen: „Man fährt langsamer.“ Die Mobilitätsbeauftragte des Gemeinderats, Flora Weichmann von den Grünen, freute sich über die neuen Bäume: „Da fühlt man sich wohl im Ort, wenn im Schatten sitzen, mit dem Rad und dem Bus fahren kann, wenn die Aufenthaltsqualität steigt.“ Mehr Schatten und mehr Grün seien nötig. „Die Aufenthaltsqualität ist wahnsinnig wichtig für mehr Leben im Ort.“

"Die Hauptstraße wird eine Durchgangsstraße bleiben"

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Grünes Tutzing - nur nicht entlang der Hauptstraße, sagt Günter Schorn vom Bund Naturschutz © Günter Schorn / Gemeinde Tutzing

Ins gleiche Horn stieß Günter Schorn, der Starnberger Kreisvorsitzende des Bunds Naturschutz, der in Tutzing lebt: „Bäume, Blumen und Grün schaffen Aufenthaltsqualität und halten die Luft rein.“ Grün sei eine Farbe, die beruhige. Man sehe ganz schön viel Grün, sagte Schorn, als er ein Luftbild von Tutzing zeigte. Auch vom See aus sehe Tutzing „wirklich ganz grün“ aus. Aber etwas fehle: „Die Hauptstraße ist sehr schwach begrünt.“

Auch fürs Geschäftsleben sei dies außerordentlich wichtig. Ob die Menschen gern zum einkaufen gingen, das habe weniger mit Parkplätzen zu tun als damit, dass sie sich wohl fühlten – und das wiederum hänge stark mit viel Grün zusammen. „Wir müssen unsere Hauptstraße lebendiger, bunter und schöner machen“, mahnte Schorn. Seine These: „Was Tutzing in Zukunft braucht, sind Plätze zum Verweilen, Ausruhen und Wohlfühlen.“ Auch die jungen Leute, meinte er, hätten nicht mehr unbedingt ein Auto. „Sie wollen sich in den Schatten setzen und ausruhen.“

Ein Vertreter der jungen Leute kam bei der Veranstaltung zu Wort: der Vorsitzende des neuen Tutzinger Jugendbeirats, Paul Friedrich. Er verwies darauf, dass es sich bei der Jugend um eine „ganz vielfältige Generation“ handele, die schwer „auf einen Nenner zu bringen“ sei. Und ebenso vielfältig seien die Mobilitätswünsche. Positiv sei es auf alle Fälle, wenn Tutzing attraktiver für Fußgänger wie für Autofahrer oder Radfahrer werde. Man müsse aber auf dem Boden der Tatsachen bleiben: „Die Hauptstraße wird eine Durchgangsstraße bleiben.“ Deshalb seien viele Kleinigkeiten wichtig – von neuen Ampeln wie an der Oskar-Schüler-Straße bis zur Querungshilfen wie der an der Hallberger Allee.

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So autozentriert, wie dieses Projekt jetzt für Millionenbeträge durchgezogen wird, passt es hervorragend in die 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Weil wir aber eigentlich das Jahr 2022 schreiben, zeigt sich in dieser verkrusteten Idee von Mobilität das vorgestrige Handeln der konservativen Politik auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene. Tempolimits sind auf Staatsstraßen nur abschnittsweise und mit sehr großer Anstrengung durchzusetzen, was dem Gemeinderat eher Freude als Pein bereiten dürfte. So stellt man ein paar Alibi-Bäume auf, die im rundumversiegelten Boden ein trauriges Dasein fristen werden. Dann bastelt man hier und da an Straßenbreite und Belagstruktur rum, um sich und der Bürgerschaft diese Kosmetik als Zugeständnisse an Fußgänger und Radfahrer zu verkaufen. Aber eigentlich hat sich nichts Wesentliches verändert. Auch nach dem Umbau werden immer größer, höher und schwerer werdende PKW das Verkehrsgeschehen dominieren und allein durch ihre große Zahl unter 50 km/h verlangsamt. Die wuchten sich durch das Ortszentrum mit Münchner-Ring-Ambiente und rauben der Gemeinde Lebensqualität und gefühlte Naturnähe.

Mittelfristig gibt es jedoch Hoffnung. Denn im Koalitionsvertrag der Ampel steht unter dem Schlagwort ‚Verkehrsordnung‘ dies: „Wir werden Straßenverkehrsgesetz und Straßenverkehrsordnung so anpassen, dass neben der Flüssigkeit und Sicherheit des Verkehrs die Ziele des Klima- und Umweltschutzes, der Gesundheit und der städtebaulichen Entwicklung berücksichtigt werden, um Ländern und Kommunen Entscheidungsspielräume zu eröffnen“. Wenn die Ampel das tatsächlich umsetzt, könnte es sein, dass der nächste, und das ist hoffentlich ein anderer Gemeinderat, diese Straße durchgängig auf 30 km/h Stunde begrenzt oder gar ein Shared-Space-Konzept zur Anwendung bringt und damit eine zeitgemäße Verkehrspolitik vollzieht. Eine, die innerorts der nicht-motorisierten Mobilität Vorrang gewährt.
„Im Norden ist es eine andere Firma“, fügte sie hinzu, „die macht es etwas anders ... Es wird ein hartes Jahr – aber da müssen wir jetzt durch.“

Die groben Off-Road-Pisten auf unserer nördlichen Hauptstraße sind doch ein unverhofftes Paradies für geübte Enduristen und sportliche Fully-Mountainbiker, sowie für Fans uriger Geländeklassiker. (Jeep, Landrover & Co.)
Mögen sie die kommenden Monate in vollen Zügen genießen!
(Bearbeitet)
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