Ortsplanung
17.11.2022
Von vorOrt.news

Der vermisste Doppelwumms

Die Tutzinger Liste will für ein „gesamtgemeindliches“ Entwicklungskonzept kämpfen

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Steht Tutzing für Beschaulichkeit? © Ulrich Wagner

Eine Leitplanke dient nach einer Beschreibung vor allem dazu, das Abkommen eines Fahrzeugs von der Fahrbahn zu verhindern. Das Wort Leitplanke kam immer wieder vor, als die „Tutzinger Liste“ bei einem Diskussionsabend ihre Forderungen nach einer Strategie für diese Gemeinde erläuterte. Der Gemeinderat solle sich verpflichten, Leitplanken einzuhalten, sagte Vorstandsmitglied Lucie Vorlíčková. „Die Leitplanken erleichtern Einzelentscheidungen“, bekräftigte Gemeinderat Dr. Wolfgang Behrens-Ramberg. Aber die Tutzinger Liste vermisst solche Leitplanken. Dazu wäre nämlich nach Meinung ihres Vorstands ein so genanntes gesamtgemeindliches Entwicklungskonzept, kurz „GEK“, erforderlich gewesen. Doch beschlossen hat der Gemeinderat ein „ISEK“, ein gebietsgebundenes städtebauliches Entwicklungskonzept fürs Ortszentrum vom Schorn im Norden bis zum Südbad im Süden zwischen Bahn und See. Beide Konzepte hatte die Tutzinger Liste beantragt. ISEK sei nur ein Teilstück, kritisiert ihr Vorstand nun.

Eine Verpflichtung, die Leitplanken bei allen Themen einzuhalten

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Oder für geschäftiges Treiben? © FixVisuals / Ehret + Klein

Der „Doppelwumms“ bleibe aus, kommentierte der Journalist Heinz Klaus Mertes - für ihn „eine Amputation“. Seine Vermutung: „Die politische Führung im Gemeinderat hat Sorge, hier könnte ein Korsett aufgebaut werden, das sie entautorisiert.“ Spontane Bemerkung von Behrens-Ramberg: „Da könnten Sie richtig liegen.“ Denn auch das wurde an diesem Abend immer wieder bekräftigt: Ein Gesamtkonzept wie das geforderte „GEK“ würde eine Selbstbindung des Gemeinderats bedeuten - eine Verpflichtung, die Leitplanken bei allen Themen einzuhalten. Er habe sich „wie ein einsamer Rufer in der Wüste gefühlt“, sagte Behrens-Ramberg. Er habe zwar acht weitere Gemeinderatsmitglieder ins Boot holen können, aber trotzdem sei es nicht „durchgegangen“. Werner Netzel aus Starnberg, früher Vizepräsident des Sparkassenverbands Bayern, wollte nicht verstehen, „dass Gemeinderäte so kurzfristig denken“. Nur mit einer klaren Strategie könne man führen: „Ich habe das Gefühl, es geht nach Parteien.“

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Plädoyers für ein konstruktives Verhältnis

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Ein Schulzentrum in der Nähe des Würmseestadions gehört zu den Visionen der "Tutzinger Liste" © BG

Aber auch andere Stimmen waren zu hören. „Ein Beschluss für einen wichtigen Teil ist ja gefasst worden“, sagte Martin Held, der frühere Studienleiter der Evangelischen Akademie, unter Hinweis auf die Entscheidung fürs ISEK. Er empfahl, nicht konfrontativ vorzugehen, sondern darauf nun aufzubauen. Auch Mertes glaubte an diesem Abend eine gewisse konfrontative Stimmung zu erkennen. Er warb nachdrücklich dafür, „wieder zu einem konstruktiven Verhältnis“ und zu einem Konsens zu kommen.

Er selbst kämpfe für ähnliche Ziele seit Jahr und Tag, sagte Held, der sich als Ortssprecher des Fahrradclubs ADFC leidenschaftlich für Verbesserungen der Fahrrad-Infrastruktur einsetzt: „Aber man muss schauen, dass man es gemeinschaftlich macht.“

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Ein Gewerbegebiet an der B2 zwischen Traubing und Wieling gilt schon lange als denkbar, doch bisher gibt es dafür keine konkreten Pläne. So ein Areal könnte vielleicht so ähnlich aussehen wie das in Wielenbach. © L.G.

Dazu sagte Behrens-Ramberg spontan: „Den Schwung von Ihnen nehmen wir gern mit.“ Er stellte auch klar, dass in den Gemeinderatsbeschluss fürs ISEK eine Untersuchung der Kosten für eine Erweiterung auf die gesamte gemeindliche Entwicklung eingeflochten worden sei. Im Protokoll der Sitzung sei dann allerdings stattdessen das gesamte Gemeindegebiet genannt worden, was nicht das Gleiche sei.

Wie genau die Zukunft von Tutzing aussehen soll, dazu hat die „Tutzinger Liste“ bereits eine ausführliche Ausarbeitung „Visionen und Ideenfindung für die kommenden Generationen“ auf ihrer Webseite veröffentlicht. https://www.tutzinger-liste.de/wp-content/uploads/2022/10/wofu%CC%88r-will-tutzing-stehen_final_small.pdf Grundlage war eine Veranstaltung, bei der laut Behrens-Ramberg viele Anregungen gerade von jungen Menschen kamen. Da reichen die Vorschläge von einer Fußgängerzone in der Hauptstraße und einer Verkehrsführung westlich der Bahngleise direkt zur B2 über ein neues Schulzentrum in der Nähe des Würmseestadions bis zu einem Kultur- und Begegnungszentrum im Bahnhofsviertel und einem Gewerbegebiet an der B2 – das alles unter besonderer Berücksichtigung auch des Klimaschutzes. Vorschlag für Fußgängerzone in Tutzing Wie solche Vorschläge im Gemeinderat gesehen werdem, könnte sich schon bald zeigen: Ein dort gebildeter Arbeitskreis soll bereits Ende dieses Monats erstmals tagen, wie Behrens-Ramberg mitteilte, „um genau zu formulieren, was da zu tun ist“.

„Ohne Leitziele und Strategie keine sinnvolle Zukunftsgestaltung“

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„In Murnau geht man ganz anders shoppen als in Tutzing" © Markt Murnau

Lucie Vorlíčková. gab sich überzeiugt: „Ohne Leitziele und Strategie können wir in Tutzing keine sinnvolle Zukunftsgestaltung machen.“ Beispielhaft erwähnte sie mehrere staatliche Förderprogramme, in denen Tutzing nicht dabei sei. Ziel müsse es sei, „ein neues Tutzinger Leben zu schaffen“.

Am Beispiel Handel und Gewerbe meinte Behrens-Ramberg, der im Gemeinderat Wirtschaftsreferent ist: „In Murnau geht man ganz anders shoppen als in Tutzing.“ Es gebe in Tutzing zwar tolle Handelsgeschäfte, aber sie müssten durch die Atmosphäre besser unterstützt werden.

„Ich fände es gut, wenn Sie nochmal die Bürgermeisterin einladen würden“, sagte ÖDP-Gemeinderätin Caroline Krug: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen, sonst schaffen wir es nicht.“ Sie sagte aber auch: „Es wäre schön, wenn mehr Leute die Gemeinderatssitzungen besuchen würden – das wäre auch für uns eine Unterstützung.“

Appell an die Einheimischen, öffentlich ihre Meinungen vorzubringen

Lucie Vorlíčková fragte zum Schluss: „Wie können wir den Gemeinderat und die Bürgermeisterin unterstützen?“ Seit 40 Jahren gebe es in Bayern kommunale Entwicklungskonzepte. Rund 800 Millionen Euro seien dabei in die Gemeinde- und Dorfentwicklung investiert worden. Von Investoren aus der Privatwirtschaft hätten die Gemeinden das Siebenfache zurückbekommen. Die frühere Wirtschaftsprüferin zeigte sich entschlossen, weiter für das „Gesamtgemeindliche“ zu kämpfen und forderte die Einheimischen auf, mehr als bisher öffentlich ihre Meinungen vorzubringen, sei es in Leserbriefen an den Starnberger Merkur und die Starnberger SZ, sei es in Kommentaren auf vorOrt.news. „Wir bleiben dran“, sagte sie, „wir wollen mit dem Gemeinderat und der Bürgermeisterin ins Gespräch kommen.“

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Die Tutzinger Liste fordert mit dem GEK nichts anderes als eine Professionalisierung und Systematisierung der politischen Arbeit unter ausdrücklicher Einbeziehung der Bürgerschaft. Und das mit einem Instrument, das vom Freistaat Bayern unterstützt wird. Großartig!
Wobei man selbstverständlich Leitplanken (mitsamt der ganzen Straße) dennoch neu verlegen kann, wenn das Sinn macht.
Konkret:
Es kann immer zu ebenso gravierenden wie auch überraschenden Entwicklungen kommen, die eine grundsätzliche Neubewertung vorhandener Leitlinien sinnvoll machen, ja geradezu erzwingen.
Die Flüchtlingslage 2015, oder jetzt der 2. Überfall Rußlands auf die Ukraine sind beispielsweise solche Situationen, die wir später als "Zeitenwenden" bezeichnen.
Ein GEK würde meines Wissens Tutzing nicht grundsätzlich im Wege stehen, wenn man sich den zukünftigen Realitäten anpassen muss/will, oder? Jedenfalls müsste man das GEK eben so gestalten, dass man die Leitplanken nötigenfalls doch neu verlegen kann.
(Um bei der Matapher zu bleiben.)
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