Wenn sich Besuch ankündigt, gibt es im Garten schnell diese Ecken, die man vorher vielleicht noch in Ordnung bringen möchte. Unter der Hecke liegt Laub, hinter einem Strauch sammeln sich Äste, die Stauden sind verblüht und irgendwo wartet noch der Rasenschnitt darauf, weggebracht zu werden. Ein gepflegter Garten sieht schließlich anders aus.
Zumindest haben wir gelernt, ihn so zu sehen.
Denn während wir Menschen im Herbst anfangen aufzuräumen, macht die Natur ziemlich genau das Gegenteil. Blätter bleiben liegen, Pflanzen trocknen ein, Samenstände bleiben stehen und abgestorbene Äste beginnen langsam zu zerfallen. Was für uns nach Gartenabfall aussieht, kann für Tiere Nahrung, Deckung oder Winterquartier sein.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht lernen, unseren Garten verwildern zu lassen. Vielleicht reicht es schon, nicht überall gleich gründlich aufzuräumen.
Das wilde Leben ist längst da
Das ist für mich keine theoretische Vorstellung. Auch in meinem eigenen Garten ist nachts einiges unterwegs. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich höre, wie ein Dachs lautstark durch das Laub schiebt. Ein Fuchs steht gelegentlich zwischen ein und zwei Uhr morgens direkt vor meinem Fenster und scheint sich ausführlich darüber zu beschweren, dass ich meine Holzbearbeitungswerkzeuge draußen habe stehen lassen. Und gegen vier oder fünf Uhr beginnen manchmal die Siebenschläfer mit ihrem Pfeifkonzert.
Eine Wildkamera zeigt zusätzlich Marder, Mäuse und weitere nächtliche Besucher. Dazu leben meine Hühner und Enten im Garten – wahrscheinlich ein weiterer Grund, weshalb der nächtliche Verkehr hier durchaus interessant ist. Mit einem sicheren Verschlag war das bisher aber kein Problem.
Für mich bereichern diese Tiere den Ort. Wenn ich mitten in der Nacht durch Schnaufen oder Rascheln geweckt werde und für einen Augenblick einen Dachs oder Fuchs sehe, freue ich mich darüber. Gleichzeitig wird mir dadurch immer wieder bewusst: Diese Tiere kommen nicht erst, weil ich beschlossen habe, einen tierfreundlichen Garten zu haben. Sie sind ohnehin unterwegs.
Die spannendere Frage ist deshalb: Wie leicht oder schwer machen wir ihnen ihre Wege?
Ein Tier bewegt sich durch eine Landschaft – und auch unsere Tutzinger Gärten sind Teile davon
In Gilching wird aus dieser Frage gerade etwas ganz Konkretes. Bei der Aktion "Igeltore für Gilching" arbeitet die Gemeinde Gilching mit dem BUND Naturschutz Kreisgruppe Starnberg, den Tierpiraten und der Offenen Werkstatt Gilching zusammen. Kleine Durchgänge in Gartenzäunen sollen es Igeln ermöglichen, zwischen benachbarten Grundstücken zu wechseln. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können sich für ein Igeltor anmelden; auf Wunsch wird es sogar eingebaut. Kinder eines gemeindlichen Kindergartens gestalten die Tore und beschäftigen sich dabei mit dem Igel und seinem Lebensraum.
Mit dabei ist Sonja Gaja vom BUND Naturschutz, die seit 2025 die Umweltbildungsarbeit der Kreisgruppe Starnberg koordiniert. Die Kreisgruppe verfolgt dabei bewusst den Gedanken, Umweltbildung dort stattfinden zu lassen, wo Menschen leben und Natur unmittelbar erleben können.
Das Igeltor ist dafür ein schönes Beispiel. Für uns ist es nur eine kleine Öffnung im Zaun. Für einen Igel kann genau dort ein Weg weitergehen. Die Gemeinde Gilching empfiehlt etwa 13 mal 13 Zentimeter große Durchgänge oder einen entsprechenden Bodenabstand unter dem Zaun.
Ein Tier lebt eben nicht auf einem Grundstück. Es bewegt sich durch eine Landschaft – und auch unsere Tutzinger Gärten sind Teile davon.
Manches, was wir wegbringen, könnte einfach bleiben
Auch beim herbstlichen Aufräumen lohnt sich dieser Perspektivwechsel. Äste, Laub, Rasenschnitt und Pflanzenreste werden oft gesammelt, in Säcke gepackt, zum Wertstoffhof gebracht oder kostenpflichtig abgeholt. Ein Teil davon könnte stattdessen direkt im Garten eine neue Aufgabe bekommen.
Äste und Zweige lassen sich beispielsweise in einer ruhigen Ecke locker zu einem Reisighaufen aufschichten. Dazwischen kann Laub liegen. So entstehen Hohlräume und geschützte Bereiche für Tiere. Laub kann auch unter Hecken und Sträuchern bleiben, statt vollständig abtransportiert zu werden. Einige verblühte Stauden und Samenstände dürfen bis zum Frühjahr stehen. Nicht jede Wiesen- oder Rasenecke muss vor dem Winter noch einmal kurz gemäht werden.
Natürlich bedeutet das nicht, jeden Garten sich selbst zu überlassen. Wege dürfen frei sein, Flächen können gepflegt werden und kranke oder problematische Pflanzenreste gehören weiterhin sachgerecht entsorgt.
Aber vielleicht müssen wir nicht mehr automatisch fragen: Was muss hier noch weg?
Wir könnten auch fragen: Was davon kann hier noch gebraucht werden?
Gerade das finde ich angenehm an diesem Gedanken. Naturschutz im eigenen Garten muss nicht zwangsläufig zusätzliche Arbeit bedeuten. Manchmal spart er sogar welche. Der Ast muss nicht weggefahren werden. Das Laub muss nicht vollständig verschwinden. Die Staude muss nicht im Oktober abgeschnitten werden.
Aus vermeintlichem Gartenabfall kann mit erstaunlich wenig Aufwand ein Tierversteck entstehen.
Viele kleine Gärten ergeben gemeinsam mehr
Nicht jeder in Tutzing besitzt einen großen Garten. Das muss auch nicht sein. In einem Grundstück findet ein Tier vielleicht Nahrung, im nächsten eine dichte Hecke und zwei Häuser weiter einen ruhigen Laubhaufen. Wenn es die Grundstücksgrenzen überwinden kann, werden aus vielen kleinen Gärten Teile eines größeren Lebensraums.
Genau deshalb finde ich die Gilchinger Igeltore so interessant. Sie zeigen mit einer sehr kleinen Maßnahme einen größeren Zusammenhang: Naturschutz endet nicht am eigenen Gartenzaun.
Vielleicht ist das auch ein guter Gedanke für diesen Herbst - auch bei uns in Tutzing. Wir müssen unsere Gärten nicht vollständig umgestalten. Aber wir können ihnen an einigen Stellen erlauben, ein wenig weniger aufgeräumt zu sein.
Denn während wir Menschen im Herbst Ordnung schaffen wollen, suchen andere gerade einen Platz für den Winter.
Der Herbst räumt nicht auf. Vielleicht müssen wir es in Tutzing auch nicht überall tun.
Benjamin Kessel ist Montessori-Lehrer, Dyskalkulietherapeut und Gründer des Naturbildungsprojekts Bella Wildherz. Die ausführliche Fassung dieses Beitrags und weitere Naturbildungsthemen finden sich im Bella Journal auf bellawildherz.de.

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