Am Samstag dieser Woche, dem 22. November, findet im Tutzinger Roncallihaus ein ganz besonderes Literaturkonzert statt. Der in Tutzing lebende Komponist Gert Wilden hat den Gedichtzyklus „Die 13 Monate“ von Erich Kästner vertont. Im Roncallihaus trägt Wilden am Samstag den Gedichtzyklus im Dialog mit Improvisationen und den Kompositionen gemeinsam mit dem Schauspieler Alexander Netschajew vor, der die Rezitation übernimmt. Beginn ist um 19.30 Uhr.
Zum Hintergrund erläutern die beiden Künstler:
„Die hier gesammelten Gedichte schrieb, im Laufe eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.“ So beginnt Erich Kästner das Vorwort seiner „13 Monate“, die 1955 als Gedichtband erschienen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er für die Schweizer Illustrierte Zeitung Monat für Monat verfasst, bevor er im Jahr darauf den „13. Monat“ erfand und beschloss, diese Gedichte als eigenes Buch mit einem Vorwort zu veröffentlichen. Es sollte sein letzter Gedichtband werden. Und aus heutiger Sicht erscheint Erich Kästner, geboren 1899 in Dresden, politischer Mahner mit spitzer Feder, Kinderbuchautor und Romancier, wie ein ökologischer Prophet der ersten Stunde. Fast 20 Jahre bevor der Club of Rome die Schrift „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, formulierte Kästner die Entfremdung des Menschen von der Natur und von den ihr immanenten Kreisläufen. „Die zweite Austreibung aus dem Paradies hat stattgefunden und Adam und Eva haben es diesmal nicht bemerkt. Sie leben auf der Erde, als lebten sie darunter.“
Natürlich birgt Kästners Lyrik stets eine melancholische Heiterkeit, die auch heute noch frisch und kaum gealtert wirkt. Gibt man sich diesen Versen „am Stück“ hin und lässt sich poetisch Monat für Monat durch das Jahr führen, begegnet der Hörer den ewigen Zyklen des Werdens und Vergehens und letztlich auch der eigenen Vergänglichkeit. Gert Wilden begegnet Kästners verschmitzter Weisheit und Modernität auf ganz eigene Weise: Seine dreizehn Kompositionen für Klavier und umfangreiches elektronisches Instrumentarium nehmen zu Kästners Versen eine mitunter durchaus auch unerwartete Haltung ein, ob minimalistisch oder opulent, ob abstrakt oder poetisch, ob in Form von Soundcollagen oder Kompositionen für Soloklavier. Teils stehen sich Gedichte und Musik als in sich geschlossene Stücke gegenüber, teils durchdringen und überlagern sie sich gegenseitig.
Komposition, Klavier, Live Electronics: Gert Wilden jr.
Rezitation: Alexander Netschajew
Gert Wilden
Die musikalische Vita des in Tutzing und Berlin lebenden Komponisten und Pianisten ist zweigeteilt: Nach einem Kompositions- und Klavierstudium führte eine fünfzehnjährige Phase als Jazzmusiker zu musikalischen Begegnungen mit wichtigen Musikern der internationalen Jazz- und Rockszene, darunter Billy Cobham, Hermeto Pascoal, Lou Donaldson u.v.a.
Er war Gründungsmitglied des 3-Pianisten Ensembles „f!üge!sch!ag“ welches vielbeachtete Konzerte im In- und Ausland gab, darunter ein New York Debut in 1998.
In der darauf folgenden Phase als Filmkomponist hat Gert die Musik über 200 Filmen geschrieben und produziert, darunter der OSCAR-prämierte Kurzfilm „Quiero Ser“, das OSCAR-nominiertes Drama „Sophie Scholl - die letzten Tage“ oder „Taxi Lisboa“ von Wolf Gaudlitz.
Für die Musik zu dem GOLDEN GLOBE-nominierten Film „The Fencer“ des finnischen Regisseurs Klaus Härö, sowie zu „Hannas schlafende Hunde“ von Andreas Gruber wurde ihm 2016 der BAYERISCHE FILMPREIS für Musik verliehen.
Alexander Netschajew
lebt und arbeitet heute als Schauspieler, Sprecher, Regisseur und Autor am Starnberger See. Von 2012 bis 2018 war er Geschäftsführender Intendant am Theater der Altmark in Sachsen-Anhalt. 2016 wurde sein Haus für herausragendes Engagement von Staatsministerin Monika Grütters mit dem 1. Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet.
Erfahrung als Kulturmanager sammelte der heute 55jährige bereits, als er von 2004 bis 2007 die Leitung der Sparten Theater und Musiktheater der Pasinger Fabrik GmbH übernahm sowie 2008 Intendant am Stadttheater Landsberg wurde. Im Frühjahr 2007 wurde das ihm anvertraute Kleinste Opernhaus Münchens in der Pasinger Fabrik durch die bundesweite Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ (Schirmherrschaft: Bundespräsident Horst Köhler) für außerordentliche innovative Leistungen ausgezeichnet.
Netschajews Leidenschaft gehört der Rezitation, besonders in der Verbindung von Wort und Musik. So schrieb, interpretierte und gestaltete er zahlreiche literarische Konzerte, u.a. für das Rundfunk Symphonieorchester Berlin. Er wirkte beispielsweise zusammen mit Wolf Euba, Karl Michael Vogler, Rudolf Wessely, Adele Neuhauser und Giora Feidman. Viele seiner Programme sind auf CD festgehalten.
Vorverkauf: Buchhandlung Eselsohr, 01858-3214
Eventim: https://www.eventim-light.com/de/a/665af9e25e3a81292c1549b9/e/68e6c16ad3b6dd78d7a85b93
Eintrittskarten
Vorverkauf: Buchhandlung Eselsohr, Tel. 01858 3214
Eventim: https://www.eventim-light.com/de/a/665af9e25e3a81292c1549b9/e/68e6c16ad3b6dd78d7a85b93
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Kommentare
Wunderschönes Literaturkonzert mit überraschenden, teilweise avantgardistischen Kompositionen und Improvisationen von Gert Wilden, passendend zu den Inhalten der Gedichte "Die 13 Monate" von Erich Kästner. Großartig, stimmungsvoll und (fast) meditativ rezitiert von Alexander Netschajew. Kästners' Gedichte sind voller Poesie, Lebenserfahrung, Heiterkeit und Aktualität.
Ich wünsche mir einen dreizehnten Monat, um den Sommer zu verlängern, "Sommerend "wäre ein passender Name ;-).
Es hat viel Spaß gemacht, war inspirierend und gleichzeitig überraschend :-) Danke für das außergewöhnliche Konzert an diesem kalten und tristen November-Samstagabend. Bestimmt haben Wilden und Netschajew viele Herzen zum Leuchten gebracht.