Kultur
19.6.2026
Von vorOrt.news

Es malt in Tutzing

KulturArt am See zeigt, wie Künstliche Intelligenz, Algorithmen und physikalische Prozesse Kunst erzeugen

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Kaleidoskopische Gemeinschaftsarbeit: Zu diesem Bild haben sich acht Mitwirkende von KulturArt am See zusammengetan
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So malt "es": Beschreibung von Klaus Ehrlenspiel

Wie entsteht Kunst? Prof. Klaus Ehrlenspiel probiert es auf rein physikalische Weise. Er lässt bringt Ölfarben auf eine Wasseroberfläche und beobachtet, wie sich Muster bilden. In der Ausstellung „Kaleidoskop“, die zurzeit in der Tutzinger Akademie für politische Bildung zu sehen ist, erklärt der 96 Jahre alte frühere Leiter des Lehrstuhls für Konstruktion im Maschinenbau der Technischen Universität München, warum das geschieht: „Weil gelöstes Bitumen, Ölfarbe auf dem Wasser schwimmen - die jeweiligen Oberflächen-Spannungen bilden die Muster.“

Zu seiner Vorgehensweise sagt er hintersinnig: „Es malt“. Nicht er malt, sondern „es“. So will er darauf aufmerksam machen, wie vielfältig Natur-Prozesse in die Kunst eingebunden sind - sowohl von der Erscheinung her, etwa in Wolkenformationen oder Meereswellen wie auch vom Gestaltungsprozess her, beispielsweise mit dem Fließen der Farben oder ihrer Ausbreitung über "van der Waals-Kräfte".

„Kaleidoskop“ heißt diese Ausstellung der Tutzinger Künstlergruppe KulturArt. Schon wegen dieses Titels war die Frage, wie Kunst entsteht, für 14 Mitwirkende offenkundig eine Herausforderung.

Manchmal scheinen die künstlerisch tätigen Personen selbst in den Hintergrund treten und natürlichen Vorgängen oder physikalischen Prozessen – wie bei Ehrlenspiel – den Vortritt lassen zu wollen.

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So hat Klaus Ehrlenspiel (rechts im Bild rechts) "es" malen lassen (die beiden Bilder links). Mit Lichteffekten eingerahmt hat's Willi Renner (links im Bild rechts).
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Digitale Kunst von Ute Kirchhof

Uschi Merk hat Acrylfarbe mit etwas Wasser verdünnt und „ganz einfach in die Luft geblasen“. Herausgekommen ist eine Fließtechnik mit Luftballons. Irena Schikora-Kiefer wendet die „evolutionäre Kunst“ an, bei der Algorithmen, nicht die künstlerisch Tätigen, Kunstwerke erzeugen. Gudrun Schmitz-Agheguian hat „Tape Art“ ausprobiert, eine Abdecktechnik, bei der anstelle von Pinseln und Farben verschiedenartige Klebebänder verwendet werden. Ute Kirchhof hat ganz neue Ausdrucksformen per „digitaler Kunst“ entdeckt. So ist auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kein Wunder. Bernhard Klauser präsentiert ein mit KI auf Leinwand erzeugtes Bild. Die KI sieht er als kreatives Werkzeug, das den Künstler inspiriert und Prozesse beschleunigt. Neckische Wortspiele drängen sich da regelrecht auf: Künstliche Intelligenz? Oder vielleicht doch intelligente Kunst?

Als eine Kunstform, „die die Sinne verzaubert, den Geist befreit und der Seele Landschaften bietet, beschrieb Kuratorin Ilse Reiher in der Vernissage die Bilderwelt des Kaleidoskops. So vielfältig wie die Muster, die in einem Kaleidoskop durch die Spiegelwirkung beim Drehen entstehen, haben die Mitwirkenden von KulturArt ihren Ideenreichtum sprießen lassen. Ilse Reiher selbst stellt mit Fotografien auf Acryl ihre ganz persönlichen künstlerischen Blicke dar. Fotografie sei eine faszinierende Form der Darstellung, sagte sie.

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Per Künstlicher Intelligenz hat Bernhard Klauser dieses Bild erzeugt
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Werke von (von links) Ilse Reiher (zwei Bilder), Gudrun Schmitz-Agheguian, Robert Sainer
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Werke von (von links) Uschi Merk, Mary MacHöck, Charlotte Lorenz, Robert Sainer
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Werke von Irena Schiekora-Kiefer (oben), Monika Zistl (unten)

Ulrike Weihe hat in der Kaleidoskop-Form den Goldenen Schnitt erkannt – als Gestaltungsidee eines Kunstwerks, die feste Konturen bricht und durch divergierende Linien oder Flächen Dynamik, Rhythmus und Transparenz erzeugt.

„Wie ein aufgeschlagenes Buch“ sieht Monika Zistl ihr Bild, bei dem die Hälfte seitenverkehrt erscheint. „So wie im echten Leben?“ fragt die Künstlerin. Mary MacHöck zitiert Leonardo da Vinci: „Der Mensch, das Augenwesen, braucht das Bild.“ Vieles ist eine Frage des Blickwinkels. So hinterfragt Gerhard Richter die Wahrnehmung von Realität und die Rolle des Betrachters.

„Die Farben des Kaleidoskops spiegeln sich in der Krone des Baumes“ - so beschreibt Charlotte Lorenz ein Bild: „Sie wiederholen sich im Hintergrund des Bildes, ebenso sehen sie die Spiegelung des Wassers.“

Auch vermeintliche Gegensätze, die doch eher zu neuem Miteinander zu führen scheinen, tauchen in dieser Ausstellung immer wieder auf. Robert Sainer, der sich ganz der zeitgenössischen Kunst verschrieben hat, interpretiert das Thema „chaotisch wirkenden Formen“, die nach seinen Worten bei näherem Hinsehen eine feine Ordnung offenbaren. „Licht und Schatten auf der glänzenden Oberfläche erzeugen Tiefe und Bewegung“, so beschreibt er die Effekte. Ungeplantes soll mit der Absicht vermischt werden, „so dass die Zuschauer sowohl die Freiheit der Formen als auch die Perfektion des Ganzen wahrnehmen können“.

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Werke von (von links) Robert Sainer (zwei Bilder), Ulrike Weihe

Miteinander entsteht in der Gruppe KulturArt am See auch in persönlichen Verbindungen mit künstlerischen Folgen. Die Bilder von Klaus Ehrlenspiel hat der Traubinger Künstler, Designer und Schreiner Willi Renner eingerahmt. Er hat sie in beleuchtete Rahmen gefasst, deren Farben Betrachter auf Knopfdruck ändern können - eine Kooperation zweier Künstler, die sich sehr schätzen und wohl einer der vielen Glücksfälle in dieser Gruppe. Renner zeigt seine Vielseitigkeit in der Ausstellung auch mit einer modernen abstrakten Holzskulptur. Sie stehen neben Bronzeskulpturen von Christiane Rausch – eine schöne Ergänzung der kaleidoskopischen Vielfalt in der ansonsten vorherrschenden Bilderwelt.

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Kaleidoskopische Vielfalt: Drei Skulpturen inmitten einer reichhaltigen Bilderwelt - von Willi Renner (links) und zwei Mal von Christiane Rausch

Die Akademie für politische Bildung zeigt sich für Kunst immer offen. Ihre Direktorin Prof. Ursula Münch scheint diese Ergänzung des Tagungsgeschehens mit all seinen komplexen Themen recht positiv zu sehen. „Es freut uns, dass Frau Reiher diese Initiative an uns herangetragen hat“, sagte sie bei der Vernissage. Im Erdgeschoss gibt es gleichzeitig eine Ausstellung mit Werken der Künstlerinnenvereinigung „Gedok“ unter dem Titel "Freiheit". Für die Werke von KulturArt am See hat die Akademie das großzügige Foyer vor dem Auditorium „Heinrich-Oberreuter-Saal“ zur Verfügung gestellt, das von der hinab führenden Treppe aus gesehen selbst eine künstlerische Ausstrahlung hat.

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Das Foyer der Akademie für politische Bildung, in dem die Vernissage stattfand, hat selbst eine künstlerische Ausstrahlung

Die Ausstellung ist bis zum 25. September 2026 in der Akademie für Politische Bildung zu sehen, Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und Freitag von 8 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei.

ID: 8862
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