In den bisherigen Herbst-Musikfestivals „Tutzinger Brahmstage“ holten sich die Veranstalter fast immer hochkarätige professionelle Künstler, oft internationale Welt-Stars. Das diesjährige 29. Brahms-Festival, für welches die Rock-Legende Peter Maffay die Schirmherrschaft übernommen hat, läuft unter einem besonderem neuen Motto: Brahms und seine Zeit – jung interpretiert. Heuer treten neben und mit Musik-Profis viele junge Musiker auf, am 18. Oktober auch zwei junge Sänger, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen.
Beim Eröffnungskonzert nahmen 17 Kinder mit ihren Instrumenten in Orchester-Aufstellung auf der Bühne im Tutzinger Schloss Platz, die meisten im Alter von acht bis vierzehn Jahren. Die Star-Violinistin Julia Fischer hat die Kindersinfoniker 2019 gegründet, bis heute ist sie deren künstlerische Leiterin. Bei dem Konzert der Brahmstage war sie zur persönlichen Betreuung sogar selbst dabei.
Als erstes Werk erklang die “Ganz kleine Nachtmusik“ - Mozart komponierte sie bereits in ganz jungen Jahren – hier in einer Transkription für Orchester. Der anfängliche Marsch kam gleich mit viel rhythmischer Kraft daher. Im zweiten Satz lieferte die Gruppe der 1. Violinen ihre schwierigen Figuren mit raschen kurzen Tönen in der Melodie-Stimme problemlos ab. Im Menuett I entwickelten sich beim Terzen-Duett der beiden Geigengruppen schöne zarte Klänge, während die folgende Polonaise kontrastierend tänzerisch interpretiert wurde. Nach dem samtigen Klang des Adagio stand das noch schwungvollere Menuett II , welches in noch dichterem Klang präsentiert wurde. Und beim Final-Satz gelang dem Orchester der wirkungsvolle Abschluss der sieben-sätzigen Serenade.
Der junge Dirigent Johannes X Schachtner überzeugte mit seinem präzis-informativen Dirigier-Stil, der zugleich aber auch sichtlich
animierend auf die Kinder übersprang. So chauffierte der Dirigent die Kindersinfoniker souverän durch die vielen Tempo-Wechsel und die diversen Ausdrucksarten des anspruchsvollen Programms.
Zum zweiten großen Werk des Abends, dem Konzert für Klavier und Orchester D-Dur von Joseph Haydn, setzte sich der junge und auch recht kleine Louis Zhang an den Flügel. Erst kürzlich ist er 11 Jahre alt geworden. Den schwierigen Einleitungsteil meisterte das Orchester mit Bravour. Beim ersten Einsatz des Klaviers strahlte dann ein staunendes Leuchten aus den Gesichtern im Publikum. Louis verfügt über ein beeindruckend hohes spieltechnisches Niveau. Auch bei den vielen virtuosen Melodie-Läufen aus Sechzehntel-Noten ist jeder einzelne Ton klar und präzis zu hören. Darüber hinaus hat man als Zuhörer das Gefühl, dass er selbst ganz in der Musik ist, und dass er bereits alle musikalischen Zusammenhänge versteht. So spürt Louis feinsinnig den melodischen und harmonischen Entwicklungen nach. Auch seine Differenzierungs-Möglichkeiten in der Lautstärke seines Tons sind bemerkenswert. Zudem spielt er nicht nur großartig seinen Solo-Part: Er hört immer auf das Orchester und er lässt diesem sogleich klanglich den Vortritt, wenn das Klavier gerade begleitet. So entstand auch immer wieder ein schöner polyphoner Dialog zwischen Klavier und Orchester. In der Solo-Kadenz setzte Louis seine ausgeprägte Gestaltungsfähigkeit noch sensibler ein.
Im zweiten Satz sang er seine Melodie traumhaft schön – wie von einem Streichinstrument oder eben einer menschlichen Stimme. Den frischen Schuss-Satz beginnen Solist und Orchester zusammen voller rhythmischer Energie. Und wieder brilliert Pianist Louis Zhang. Bei den eher düsteren Passagen in der Durchführung stellt er gleich auf eine dunklere Klangfarbe um. Am Ende der klangberauschten Reprise gab es viel frenetischen Applaus des beeindruckten und berührten Publikums für Louis und die Kindersinfoniker.
Alle Werke des zweiten Konzertteils waren von Johannes Brahms. Höhepunkte waren hierbei drei Klavier-Walzer aus op. 39. Bei Nr. 1 gelang Louis der mehrmalige Wechsel zwischen dem kraftvoll stampfenden und dem melodisch-weichen Charakter sehr überzeugend. Nr. 2 schwebte selig dahin – in einer traumhaften Interpretation, so wie auch die des bekannten Walzers Nr. 15 in As-Dur.
Dann wurden noch drei der berühmten Ungarischen Tänze vom Orchester gespielt – unter Mitwirkung von Louis am Klavier. Bei den ersten beiden gelang das ständige Umschalten zwischen typisch ungarischer Schwermütigkeit und mitreißendem Tanz besonders schön.
Als Zugabe spielte der kleine Wunder-Pianist dann noch zwei weitere
Brahms-Walzer. Und den Kindern der Kindersinfoniker bedeutete dieses Konzert beim Tutzinger Brahms-Festival sehr viel: Es war für sie ein ganz besonderer Auftritt.
Thomas H. Zagel


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