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Lokale Wirtschaft

Äußerungen im Verlauf des Wahlkampfs

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"Tutzing braucht den Andechser Hof": Das hat der Tutzinger Förderverein für Tourismus schon vor vielen Jahren betont. Doch die früher sehr beliebte Gaststätte steht weiter leer.

Ist die lokale Wirtschaft in Tutzing stark genug oder gibt es in dieser Hinsicht Verbesserungsbedarf? Bei diesem Thema kristallisierten sich in den Wahlveranstaltungen deutliche Meinungsunterschiede heraus.

CSU-Bürgermeisterkandidat Ludwig Horn hält eine Stärkung des Gewerbes für notwendig: Die Unternehmen sorgten für Arbeitsplätze und für Ausbildungsmöglichkeiten der Jugend, sie belebten den Ort und verbesserten über die Gewerbesteuer die finanzielle Lage der Gemeinde. Die Abwanderung von Unternehmen wie etwa der Textilfirma Steinmüller aus Tutzing sieht er kritisch, die Gewerbesteuer-Einnahmen seien zu niedrig, sie lägen unter dem Durchschnitt der Kommunen im Landkreis Starnberg.

Bürgermeisterin Marlene Greinwald hält die Lage der Wirtschaft in Tutzing dagegen schon für gut. Sie verwies auf Gewerbesteuer-Einnahmen, die sich innerhalb der vergangenen Jahre fast verdoppelt hätten, und auf einige positive aktuelle Entwicklungen.

Besucher sprachen bei den Podiumsdiskussionen mehrere Probleme der Tutzinger Wirtschaft an, so die Leerstände des Seehof-Grundstücks seit Jahrzehnten und des Andechser Hofs seit bald zwölf Jahren. Wie es mit solchen schwierigen Themen weitergehen wird, dazu gab es aber trotz aller Fragen in all den Wahlveranstaltungen von beiden Seiten keine konkreten neuen Informationen, es wurden aber doch unterschiedliche Ansätze deutlich. Die Eigentümer des Andechser Hofs hätten beim Bebauungsplan nicht mit der Gemeinde zusammenarbeiten wollen, sagte Greinwald - eine Bemerkung, auf die Conny Schuster, Miteigentümerin der vor bald zwölf Jahren stillgelegten Gaststätte, bei einer der Podiumsdiskussionen kritisch reagierte: Die Gemeinde habe einen städtebaulichen Vertrag vorgelegt, dessen Formulierung den Eigentümern eine Unterzeichnung nicht erlaubt habe. Horn sagte demgegenüber, er sehe eine Option, das Gespräch zu suchen, um einen Weg zu finden. "Der Bürgermeister ist der Vordenker", bekräftigte er. Solche Probleme könnten nur gelöst werden, wenn man miteinander rede: "Man muss so lange im Gepräch bleiben, bis es keinen Leerstand mehr gibt." Über den Seehof hat es nach Greinwalds Worten kürzlich Gespräche mit dem Eigentümer gegeben. Er habe eine Planung auf der Grundlage des von der Gemeinde erstellten Bebauungsplans angekündigt. Bürgermeisterwahl: Fragen nach den Unterschieden

Horn: "Es braucht eine klare Partnerschaft zwischen Bürgermeister und Gewerbetreibenden"

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Eines der erfolgreichen Tutzinger Unternehmen sind "Die Bautrockner" im Ortsteil Unterzeismering © Die Bautrockner

Generell machte sich Ludwig Horn für eine Unterstützung und Aufwertung der lokalen Wirtschaft stark. „Es braucht ein klares Bekenntnis zu unseren Betrieben“, sagte er, „eine klare Partnerschaft zwischen Bürgermeister und Gewerbetreibenden.“ Dabei stellte er zwei Linien in den Vordergrund. Zum einen müsse das bestehende Gewerbe erhalten und gestärkt werden, von der Gastronomie bis zum Handwerk. „Wir brauchen effektive durchgehende Aktionen für den Einzelhandel und Chancen für das Handwerk“, sagte er: „Wo können Tutzinger in Tutzing einen Arbeitsplatz finden?“ Das Handwerk müsse wesentlich mehr als bisher berücksichtigt werden, so auch durch kommunale Aufträge. Besorgt verwies er darauf, dass immer mehr Handwerksfirmen ins Oberland abwanderten. Gerade kleinere Betriebe seien oft stabil, auch in Hinblick auf die Gewerbesteuer.

Zum zweiten werde er sich um die Ansiedlung von neuem Gewerbe bemühen, kündigte Horn an: „Dafür müssen wir uns als Gemeinde einsetzen und aktiv auf Firmen zugehen.“ Es gebe starke Argumente: Tutzing sei nicht nur ein wunderschöner Ort in prächtiger Lage, sondern verfüge auch über beste öffentliche Verkehrsanbindung mit S-Bahn und Regionalzügen. „Vom Münchner Hauptbahnhof aus ist man schneller in Tutzing als in Garching“, sagte Horn. Alles das müsse man vermarkten.

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Greinwald: "Tutzing ist im flow"

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Expansiv und finanziell hilfreich: Das vor einigen Jahren in Tutzing zugezogene Unternehmen W.A.F. im Ortsteil Kampberg ist einer der wichtigsten Gewerbesteuerzahler der Gemeinde © W.A.F.

Flächenpotenziale sieht Horn durchaus. In der Kustermannvilla könne ein Gründerzentrum entstehen, in Tutzing stünden rund 900 Quadratmeter Bürofläche leer, die man nutzen könne. Er will regelmäßige Unternehmenstreffen veranstalten, den Firmen zu strategischen Erweiterungsmöglichkeiten verhelfen und dafür sorgen, dass die leer stehenden Büroräume möglichst schnell genutzt werden. „Mir geht es nicht um die Ansiedlung von Schwerindustrie“, bekräftigte er. Eine gute Chance, um Tutzing als Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen, sehe er in der Bildung von Clustern, also Bündelungen von zueinander passenden Unternehmen. Dafür bieten sich nach seiner Meinung die Zweige Software, IT, Digitalisierung und – „ein brandheißes Thema“ – künstliche Intelligenz, außerdem die Themen Gesundheit und Kreativität an.

Marlene Greinwald sieht für die wirtschaftliche Zukunft von Tutzing positive Signale. Tutzing sei "im flow", sagte sie unter Hinweis auf die erhöhten Gewerbesteuer-Einnahmen. Sie sei in engen Kontakten mit der Starnberger Wirtschaftsfördergesellschaft gwt und vernetzt mit vielen Betrieben. So sei für die seit mehr als einem Jahr leer stehende Halle der liquidierten Metallbaufirma Zirngibl inzwischen ein Käufer gefunden worden, nämlich das benachbarte Unternehmen Verla-Pharm, der sich damit vergrößere. Sie erwähnte auch expansive in Tutzing zugezogene Unternehmen wie W.A.F. und Lobster.

Gemeinde hat "Einfädler" für ein Gewerbegebiet bei Traubing gekauft

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So nah an der Bundesstraße wie das Gewerbegebiet von Wielenbach wäre ein neues Gewerbegebiet bei Traubing nicht. Dort stehen Bäume und Büsche, die die Gebäude ein wenig verdecken würden. © L.G.

Mit der Errichtung des Neubaus an der Stelle der früheren Geschäfte Kohlen-Müller und Edeka werde der Bauwerber nach ihrer Kenntnis im Frühjahr 2014 beginnen, sagte Greinwald. Der Gewerbekomplex Foursite im Bahnhofsviertel sei gut belegt. Das Gebiet beim Bahnhof sei attraktiv, auch wegen der Nähe zur Bahn, weil viele Mitarbeiter von Unternehmen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit führen. „Das wird auch für das Hotel wichtig sein“, fügte sie in Hinblick auf das an der Bahnhofstraße geplante Hotel der israelischen Leonardo-Gruppe hinzu, dessen Baubeginn sie für die nächste Zeit angekündigt hat. Ob dies angesichts der aktuellen Lage in Israel noch realistisch ist, ist allerdings unklar.

Zum Bedarf an einem neuen, größeren Gewerbegebiet in Tutzing gibt es seit längerer Zeit Diskussionen. Doch dieses Thema ist nicht unumstritten. Kritiker verweisen auf Umweltprobleme, so durch Flächenversiegelungen und zunehmenden Verkehr, auf mehr zuziehende Menschen bei ohnehin zu geringem Wohnraum, auf Energiesorgen und andere Bedenken. Die Befürworter halten die positiven Effekte wirtschaftlicher Ansiedlungen, Verbesserungen der kommunalen Finanzen und Vorteile für die Bevölkerung durch Jobs und Ausbildungsplätze entgegen. Als mögliche Fläche für ein neues Gewerbegebiet gilt die ehemalige Kiesgrube der Starnberger Firma Groll nahe der Bundesstraße 2 bei Traubing, „Wir sind da seit fünf Jahren dran“, sagte Greinwald dazu. Ein Gewerbegebiet in Traubing bezeichnete sie als große Chance für Tutzing. „Wir haben sogar den Einfädler gekauft“, berichtete sie in Hinblick auf die Verkehrsanbindung zur Bundesstraße.

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Der Bau eines "Leonardo"-Hotels auf diesem Grundstück an der Tutzinger Bahnhofstraße soll eigentlich bald beginnen. Doch ob es dazu kommt, ist derzeit offen. © L.G.

Allerdings gibt es nach wie vor Diskussionen mit dem Landratsamt über eventuell dort befindliche Altlasten und die Verfüllung, wie Greinwald berichtete. Nach ihrer Meinung muss dieses Problem ein Gewerbegebiet aber nicht zwingend verhindern. Wenn es Altlasten geben sollte, dann müsse man halt mit einer geschlossenen Decke arbeiten, sagte sie: „Dann hat das Gewerbe halt keinen Keller.“ Über konkrete Fortschritte oder Planungen bei diesem Thema gab es aber auch bei den Tutzinger Wahlveranstaltungen keine Angaben.

In Hinblick auf Wünsche für andere neue Gewerbeflächen sieht Greinwald – wie auch beim Wohnungsbau – Probleme wegen der Landschaftsschutzgebiete um Tutzing herum. Ansiedlungschancen für Unternehmen sieht sie aber in mehreren Tutzinger Ortsteilen, „gerade auch, um die Mischgebiete zu erhalten.“ Bei Traubing beispielsweise gebe es nicht soviel Landschaftsschutzgebiet.

Der Tutzinger Gewerbe-Hebesatz ist mit 300 Punkten nach Greinwalds Auffassung „in Ordnung“. Diskussionen darüber gibt es immer wieder unter Hinweis auf Kommunen mit niedrigeren Hebesätzen wie Grünwald oder Pöcking, die so offenbar mehr Unternehmensansiedlungen und deutlich höhere Gewerbesteuer-Einnahmen erreichen. Greinwald erwartet aber, wie sie sagte, dass der Tutzinger Gewerbesteuer-Hebesatz in seiner derzeitigen Höhe bleiben wird.

Mehr zum Thema:
"Brückenbau" für Tutzings Gemeindespitze
"Unternehmen sind allein auf weiter Flur"
Die ignorierte lokale Wirtschaft

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Kommentare

Zum "Flow" alt: Wie bereits berichtet, vermittelt die Aussage von Marlene Greinwald zum gestiegenen Gewerbesteueraufkommen einen irreführenden tatsächlichen Eindruck der Tutzinger Finanzlage (Artikel vorOrt.news „Die Positionen stehen fest“ - Link der Tutzinger Liste).

Zum "Flow" neu: Was jetzt neu gar ein G´schmäckle vermittelt ist die gestrige Begründung der Ablehnung des Abdrucks meines Leserbriefs (Tutzing „im Flow“?) der Süddeutschen Zeitung: "Sehr geehrte Frau Vorlíčková, Herzlichen Dank für Ihren Leserbrief, den wir auch veröffentlichen würden, wären Sie nicht Vorstandsmitglied der Tutzinger Liste. Es gehört aber zu den Regularien der Süddeutschen Zeitung, keine Leserbriefe von Mandats- oder Funktionsträger abzudrucken...". Aber da war doch: Der Leserbrief des Vorstandsmitglieds der Freie Wähler Tutzing, Dr. Toni Aigner (http://fw-tutzing.de/vorstand/), mit seinem Plädoyer zur Trennung der Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen, den die SZ genau diese Woche abgedruckt hat. Hmm.....

Für Interessierte zum Wortlaut meines Leserbriefs:
https://www.tutzinger-liste.de/blog/sueddeutsche-zeitung-im-wahlkampf/