Nach kräftigem Wachstum über Jahre, gerade auch durch Übernahme von Krankenhäusern, hat die von Tutzing aus gesteuerte Artemed-Gruppe neue wichtige Entscheidung getroffen: Sie erwirbt das Behandlungszentrum Kempfenhausen mit der bekannten Marianne-Strauß-Klinik (MSK) – eine Privatisierung, denn diese Einrichtung wurde bisher von mehreren Stellen der öffentlichen Hand getragen. Tutzinger Privatisierung Auf Fragen von vorOrt.news gibt das Unternehmen Einblicke in seine Beweggründe und seine Planungen bei der Lösung der zuletzt in Kempfenhausen entstandenen finanziellen Schwierigkeiten.
Die Artemed-Gruppe befindet sich in anhaltender Expansion. Ist die geplante Übernahme des Behandlungszentrums Kempfenhausen dennoch ein ganz besonderer Schritt?
Artemed: Die Übernahme des Behandlungszentrums ist tatsächlich etwas ganz Besonderes für uns – zum einen, weil der Starnberger See natürlich die „Heimat“ der Artemed ist, zum anderen, weil mit der Übergabe auch seitens der Landeshauptstadt München und dem Bezirk Oberbayern ein so großes Vertrauen in uns gesetzt wird. Das ehrt uns sehr. Inhaltlich ist es sehr spannend, sich ganz einem Krankheitsbild in aller Tiefe widmen zu können, darauf freuen wir uns riesig.
"Ein neurologisches Kompetenzzentrum, das in der Region einzigartig ist"
Eröffnet Artemed mit einer Klinik für Multiple Sklerose Kranke ein neues Geschäftsfeld?
Artemed: Weniger ein neues Geschäftsfeld als eine natürliche Erweiterung unseres bisherigen Engagements in den Benedictus Krankenhäusern Tutzing und Feldafing im Bereich der Neurologie. Nun werden die Stärken gebündelt: Insgesamt 35 Neurologen decken künftig unter Führung von Prof. Dr. Dirk Sander und Prof. Dr. Ingo Kleiter hausübergreifend von Schlaganfall über Parkinson bis hin zur Multiplen Sklerose die Diagnostik, Akuttherapie und Rehabilitation aller Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems ab. Zudem werden zahlreiche Forschungsprojekte klinisch vorangetrieben – denn beide Experten sind in den wesentlichen Fachgesellschaften stark verankert. Damit entsteht rund um den Starnberger See ein Neurologisches Kompetenzzentrum, das in der Region einzigartig ist.
Das Berger Behandlungszentrum ist in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Wird Artemed die Probleme schnell lösen können?
Artemed: Zumindest gibt uns die Einbindung in eine starke Gruppe hierzu einige Möglichkeiten. Das fängt an bei einer deutlich besseren Verhandlungsposition beispielsweise bei Lieferantenpreisen und geht bis hin zu einer deutlich stärkeren Bündelung bei Stellenausschreibungen etc. Oftmals haben wir auch die Möglichkeit, externe Dienstleister durch interne Kräfte zu ersetzen. Und – das ist natürlich gerade bei der MSK ein wichtiger Punkt – wir können gruppenintern bei der Baufinanzierung unterstützen und so eventuelle Liquiditäts-Engpässe vermeiden. Hier gilt es sicher, in den kommenden Wochen und Monaten im Detail auszuarbeiten, welche Stellschrauben wir als Artemed drehen können. Die Erfahrung hat uns jedoch gezeigt: Es ist in den seltensten Fällen eine große Maßnahme, die den Unterschied macht, sondern viele kleinere.
"Lieber sind wir langfristig zuverlässig, als immer schneller immer größer zu werden"
Wie groß ist die Artemed-Gruppe aktuell? Über wie viele Standorte verfügt sie? Sind schon weitere Expansionsschritte abzusehen?
Artemed: Mit dem heutigen Tag betreibt die Artemed mit über 10 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 19 Krankenhäuser unterschiedlichster Ausrichtung über ganz Deutschland hinweg. Hinzu kommen neun Medizinische Versorgungszentren sowie zwei Kliniken in China, denen die Artemed beratend zur Seite steht. Und auf keinen Fall vergessen möchten wir unsere Stiftung, die uns sehr am Herzen liegt. Erwähnenswert ist schließlich sicher auch noch der stetige Ausbau der Artemed Akademie und der Pflegeschulen, die wir an mehreren Standorten betreiben. Wir sind natürlich stolz auf das Wachstum in den vergangenen Jahren, haben aber großen Wert darauf gelegt, dass dieses erstens inhaltlich und regional Sinn macht und zweitens organisch bleibt. Lieber sind wir langfristig zuverlässig und stark aufgestellt, als immer schneller immer größer zu werden. Das sind wir sowohl unseren Mitarbeitern als auch unseren Patienten schuldig. Entsprechend werden wir uns nun zunächst einmal ganz auf die Integration und Entwicklung der Marianne-Strauß-Klinik und des Pflegeheims „Haus der Freunde“ konzentrieren.
"Der Starnberger See ist einfach unser Zuhause"
Erweist sich die Steuerung der Gruppe von Tutzing aus als sinnvoll?
Artemed: Wir arbeiten bunt verstreut zwischen Hamburg und Oberbayern, zwischen China und Bolivien. Da können wir gut den Ort auswählen, von dem aus wir diese Arbeit steuern. Und der Starnberger See ist einfach unser Zuhause – wer in so einer schönen Region tätig sein kann, gibt das sicher nicht einfach auf.
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