Geschichte
30.4.2026
Von vorOrt.news / Gemeinde Tutzing

„Nie wieder"

Tutzing gedenkt der Opfer des Todeszuges von 1945 - Gedenkveranstaltung im Ortsmuseum

Ende April 1945 ließen die Nazis die Konzentrationslager räumen. Sie trieben die Häftlinge in Richtung Süden. 1500 Menschen kamen nach Tutzing. 54 von ihnen starben und wurden in dieser Gemeinde beerdigt. Nur von 17 Personen waren damals die Namen bekannt, von einigen weiteren konnte später die Identität geklärt werden. Jahrelang erinnerte daran nichts mehr. Im Jahr 2011 hat die Gemeinde auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Stephan Wanner auf dem Neuen Friedhof einen Gedenkstein für die Opfer aufstellen lassen. Am Dienstag hat die Gemeinde Tutzing an den Häftlingstransport mit einer Gedenkveranstaltung erinnert, die sie gemeinsam von der Evangelischen Akademie, der Akademie für Politische Bildung und den örtlichen Schulen organisiert hat. Die Vergangenheit könne nicht ungeschehen gemacht werden, aber sie dürfe nicht verdrängt werden, schreibt die Gemeinde in einem Bericht über diese Veranstaltung:

Ein Zug des Grauens erreicht Tutzing

Ende April 1945, in der Nacht vom 29. auf den 30. April, ereignete sich in der bis dahin vom Krieg weitgehend verschonten Gemeinde Tutzing eine Tragödie, die bis heute nachwirkt. Etwa 2000 Häftlinge – vorwiegend osteuropäische Juden – wurden im Zuge der Auflösung des KZ-Außenlagers Mühldorf in einen sogenannten Evakuierungstransport gezwungen. Wie Bürgermeister Ludwig Horn in seiner Ansprache schilderte, war das ursprüngliche Ziel Österreich, vermutlich über Kufstein nach Tirol. Doch die geplante Route war durch Bombardierungen zerstört, der Zug wurde umgeleitet.

"Das Ende der Diktatur des Nationalsozialismus war längst besiegelt, aber die Tötungsmaschinerie funktionierte noch", betonte Pfarrer Reiner Schübel als Vertreter der Evangelischen Akademie Tutzing. Ab dem 22. April 1945 wurden die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen über weite Strecken in Richtung Alpen getrieben – ohne Proviant, ohne Wasser, in Holzschuhen und dünner Kleidung. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen.

Kurz vor Tutzing war Artilleriefeuer zu hören, möglicherweise war der Transport bereits von alliierten Tieffliegern beschossen worden, die ihn für einen Reichswehr-Güterzug hielten. Der Lokführer und die SS-Wachen gaben den Zug schließlich auf. Die Überlebenden wagten sich allmählich aus den Wagen und machten sich zu Fuß auf den Weg in die Tutzinger Ortsmitte – "ein Zug menschlichen Elends auf offener Straße", wie Bürgermeister Horn es formulierte.

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Bei der Gedenkveranstaltung im Tutzinger Ortsmuseum: (von linlks) Christina von Koch, Pfarrer Reiner Schübel, Amelie Treitz, Klim Kochyzhev, Felix Weichmann, Bürgermeister Ludwig Horn (hinten), Olesia Skrypko, Prof. Dr. Ursula Münch und Oliver Thoss (ganz rechts) © Gemeinde Tutzing
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Zwischen Hilflosigkeit und Menschlichkeit

Die örtlichen Lazarette leiteten sofort Hilfsmaßnahmen ein, doch ihre Möglichkeiten waren äußerst begrenzt. Viele Tutzingerinnen und Tutzinger waren plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die sie sich nicht hatten vorstellen können. In den folgenden Tagen und Wochen starben 54 der Häftlinge an Erschöpfung, Hunger und Verletzungen. Sie wurden in Tutzing beerdigt – ein Gedenkstein am Neuen Friedhof erinnert heute an sie.

"Es ist nicht an uns heute, mit moralischem Fingerzeig auf damalige Entscheidungen zu blicken", mahnte Bürgermeister Horn. "Aber es ist sehr wohl unsere Aufgabe, uns dieser Geschichte zu stellen. Sie gehört zu unserem Ort. Und sie verpflichtet uns – zur Erinnerung und zur Haltung."

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"Ein Zeichen für die Unantastbarkeit der Menschenwürde": Das steht auf dem Gedenkstein auf dem Neuen Friedhof., auf dem die Namen der damals bekannten Todesopfer aufgeführt sind. Weiter unten lautet die Inschrift: "Wir gedenken der 54 Menschen mit und ohne Namen, die in dem in Tutzing gestrandeten Zug aus dem KZ Dachau, Außenstelle Mühldorf, im April/Mai 1945 gestorben sind": © L.G.

Aktuelle Bedrohungen für die Demokratie

Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, verknüpfte das historische Gedenken eindringlich mit den Herausforderungen der Gegenwart. "Uns alle beunruhigt, dass in Teilen unserer Gesellschaft Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus und Geschichtsrevisionismus wieder Fuß fassen", betonte sie. Heute hätten es diejenigen, die extremes Gedankengut verbreiten wollen, so leicht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.
Münch warnte vor "entgrenztem Misstrauen" und sogenannten "Misstrauensgemeinschaften", die sich in digitalen Räumen in ihrem Misstrauen gegen gewählte Repräsentanten und die Demokratie bestärken: "Wir haben es inzwischen mit politischen Ordnungen zu tun, die Unmenschlichkeit erleichtern und ermöglichen: Führerstaaten, deren autoritäre Parteien durch Heilsversprechen an die Macht kommen, dann Gefolgschaft verlangen und schließlich die ihnen Missliebigen ausschalten und vernichten." Sie appellierte besonders an die "schweigende Mehrheit der insgesamt Verständigen": Es gelte, staatliche Willkür, Korruption und Gewaltherrschaft durch die verfassungsmäßige Ordnung, Gewaltenteilung und eine wachsame Bürgerschaft zu verhindern. "Das sind wir denjenigen schuldig, die von den Nazis ausgegrenzt, verfolgt und getötet wurden. Und das sind wir unseren Kindern, Enkeln und den Generationen nach uns schuldig."

Junge Stimmen und historische Verbindungen

Besonders bewegend waren die Beiträge der Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Tutzing und der Create Schools. Oliver Thoss von der Mittelschule brachte die lokale Verantwortung auf den Punkt: "Das Gedenken an den Todeszug in Tutzing ist für uns eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Ortsgeschichte. Die 54 Menschen, die hier ihr Leben verloren, sind heute ein Teil unseres Tutzinger Erbes." Schülerinnen und Schüler der Create Schools unterstrichen mit Zitaten von Esther Bejarano, Berthold Beitz und Imre Kertész die Bedeutung der Erinnerung und die Verantwortung jedes Einzelnen für die Zukunft.

Eine besondere Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schuf die parallel laufende Ausstellung "Der Garten – Peter Meyer, Komponist und Fotograf" im Ortsmuseum. Christina von Koch von der Gemeinde Tutzing führte die Teilnehmer durch die Ausstellung über den jüdischen Komponisten Max-Peter Meyer (1892-1950), der ab 1925 in Tutzing lebte und die unbeschwerten Jahre der 1920er Jahre fotografisch dokumentierte. Mit der NS-Machtübernahme änderte sich sein Leben dramatisch: 1938 wurde er ins KZ Dachau deportiert, später nach Australien interniert. Nach dem Krieg kehrte er nach Tutzing zurück, starb aber bereits 1950.

Demokratie im Alltag verteidigen

Pfarrer Schübel unterstrich in seinem Grußwort die Aktualität der historischen Lehren: "Wir müssen unsere Demokratie im Alltag verteidigen. Wir müssen reden. Miteinander. Denn der Rechtsruck beginnt mit Sprache und Gleichgültigkeit." Er warnte davor, dass der Rechtsruck nicht am rechten Rand beginne, sondern in der Mitte der Gesellschaft – dort, wo viele sich für "unpolitisch" halten.

Die Gedenkveranstaltung endete mit einem gemeinsamen Bekenntnis aller Beteiligten: Die Vergangenheit kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber sie darf nicht verdrängt werden. Wie Bürgermeister Horn betonte: "Erinnern ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck von Verantwortung. Und die beginnt vor der eigenen Haustür."




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