Ende 2021 wurde mitten auf der Tutzinger Brahmspromenade innerhalb weniger Tage eine Boule-Anlage gebaut. Das war damals eine recht überraschende Aktion. Größere Diskussionen gab es darüber vorher nicht, der Gemeinderat war mit diesem Thema nicht befasst. Eine Boule-Anlage an der Brahmspromenade Nun steht ein Schachfeld unter freiem Himmel zur Debatte – vielleicht ebenfalls auf der Brahmspromenade. Diesmal ist alles anders. Am Dienstag hat sich der Tutzinger Gemeinderat mit einem Antrag des Jugendbeirats für eine „Outdoor-Schach-Anlage“ befasst. Die Idee stieß generell auf Zustimmung, aber über Details entbrannte eine ausgiebige Diskussion – ganz anders als vor fünf Jahren bei der Boule-Anlage. Heftig umstritten war auch der Standort Brahmspromenade.
Schach sei eine Sportart für Jung und Alt, argumentierte der Jugendbeirat in seinem Antrag. Gerade die Tutzinger Jugend profitiere von einem frei zugänglichen Outdoor-Schachbrett, da es nicht nur spielerisch strategisches Denken und Konzentration fördere, sondern auch eine attraktive Möglichkeit zu aktiver Freizeitgestaltung im öffentlichen Raum schaffe. Ein solches Schachbrett könne zu einem zentralen Begegnungsort werden. Jugendliche könnten sich dort ganz einfach treffen, miteinander spielen oder in Kontakt mit anderen Generationen treten. Das fördere das „intergenerationelle Miteinander“ und stärke den Austausch in der Gemeinde. Darüber hinaus wirke sich das Spielen im Freien positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden aus. Bewegung an der frischen Luft, kombiniert mit geistiger Aktivität, schaffe einen niederschwelligen Zugang zu sportlicher und kultureller Betätigung. Ein Outdoor-Schachbrett komme deshalb nicht nur der Tutzinger Jugend zugute, sondern werde zu einem Ort, an dem alle Tutzingerinnen und Tutzinger zusammenfinden könnten – „ein lebendiger Treffpunkt, der das Miteinander stärkt und die Aufenthaltsqualität im Ort erhöht“.
Für den Vorstoß des Jugendbeirats gab es im Gemeinderat viele positive und wohlwollende Worte. Dass das Gremium der jungen Leute immer wieder neue Ideen einbringe, wurde gelobt. Aber dann wurden doch alle möglichen Bedenken vorgebracht.
Warnungen vor Vandalismus und Diebstahl
Caroline Krug (ÖDP) meinte, Schach werde klassischerweise zu zweit gespielt und eigne sich deshalb nur für wenige Leute. In Tutzing gebe es bereits Möglichkeiten für unterschiedlichste Sportarte, die junge Leute nutzen könnten. Immer wieder gewarnt wurde vor Vandalismus und Diebstahl der Spielfiguren. Dr. Thomas von Mitschke-Collande (CSU) wollte wissen, wer sich um die Anlage kümmern werde und wo die Figuren aufbewahrt werden würden. Claus Piesch (Freie Wähler) bezeichnete abschließbare Aufbewahrungsboxen als Möglichkeit.
Tim Terbrack, einer der Vorsitzenden des Jugendbeirats, verwies auf ein Outdoor-Schachbrett im Nachbarort Bernried. Dort blieben die Figuren stehen, von Problemen wie Vandalismus und Diebstahl habe er noch nicht gehört. „Wir müssen unseren Bürgern vertrauen“, fügte er hinzu. Auch Dr. Ernst Lindl (CSU) sah Vandalismus nicht als großes Problem: „Wir reden ja nicht über große Werte - wenn eine Figur weg ist, kauf ich halt eine neue.“ Flora Weichmann (Grüne) brachte dazu noch einen weiteren Gedanken ein: „Natürlich gibt es auch in Tutzing Vandalismus – aber wenn wir keine Angebote schaffen, wird erst recht Schmarrn gemacht.“
Die Größe eines Schachfeldes betrage etwa 3,20 Meter, sagte Terbrack. Das nehme ungefähr soviel Platz in Anspruch wie drei Menschen, die nebeneinander auf Badetüchern liegen. Es gibt dauerhafte oder flexible, zusammensteckbare Spielfelder. Zu Fragen nach den Kosten nannte Joel Hafner, Co-Vorsitzender des Jugendbeirats, rund 450 Euro für einen Satz Spielfiguren und etwa ebenso viel, vielleicht etwas weniger, für die Spielfläche. Andere schätzten höhere Kosten. Im Rahmen der Prüfung soll untersucht werden, ob für eine solche Anlage Fördermittel aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept ISEK in Frage kommen.
Georg Schuster (FDP) erkundigte sich, ob der Bedarf geprüft worden sei. Dazu sagte Hafner, in einem Schachclub am Gymnasium gebe es 15 bis 20 Mitglieder, weitere Interessenten seien bekannt: „Ich glaube, die Nachfrage wäre vorhanden, und auch Vorbeigehende würden da spielen.“
"Als Liegefläche missbrauchte Brahmspromenade"
Sehr unterschiedlich waren die Meinungen zum Standort einer solchen Anlage. Die Brahmspromenade, wie vom Jugendbeirat angeregt, hielten mehrere Gemeinderatsmitglieder für sinnvoll. Dr. Ernst Lindl (CSU) und Claus Piesch (Freie Wähler) fanden, dass so eine Anlage gut dorthin passe. Sie sei ein Begegnungsort, Spaziergänger würden stehenbleiben und zuschauen oder mitspielen. Dieser Ort sei für ein solches Schachspiel besser geeignet als auf einem Sportgelände, sagte Lindl, der darüber hinaus einen willkommenen Nebeneffekt darin sieht, wenn über den Boule-Platz hinaus ein weiterer Teil der bisher „als Liegefläche missbrauchten" Brahmspromenade auf andere Weise genutzt werde. Wichtig sei, so eine Anlage nicht an den Rand zu schieben, warnte Flora Weichmann.
„Die Brahmspromenade hat Promenadencharakter“, sagte dagegen Bürgermeister Ludwig Horn. Ein anderer Standort könne vielleicht besser geeignet sein. Auch Caroline Krug verwies auf den Aussichtscharakter der Promenade, vielleicht könne man dort stattdessen mehr Blühpflanzen unterbringen. Für Vieles auf der Promenade habe schon der Verschönerungsverein gesorgt, erwiderte Piesch. Georg Schuster bezeichnete eine Outdoor-Schach-Anlage als eine „Superidee – aber nicht auf dieser Promenade“. Besser wäre eine solche Anlage beim Minigolfplatz oder beim Südbad, meinte er. „Nicht ganz stimmig“ fand auch Dr. Joachim Weber-Guskar (FDP) die Idee, unter Hinweis auf Probleme wie Vandalismus oder Zwei-Personen-Betätigung. Christine Nimbach (fraktionslos) schlug ein Schachbrett in der Nähe des Minigolfplatzes an der Seestraße vor: „Da ist jemand da, der aufpasst.“ Caroline Krug verwies auf den Versuch, das Museumsschiff „Tutzing“ an Land zu holen und zu einem Jugendzentrum zu machen, vielleicht auf dem alten Volksfestplatz an der Seestraße. Nebendran wäre ihrer Meinung nach eine Schach-Anlage sinnvoll.
Claus Piesch missfiel die ganze Diskussion erkennbar. „Ich bin froh, dass wir einen kreativen und aktiven Jugendbeirat haben“, sagte er: „Wir Alten suchen nur nach Gründen, was wir daran schlecht finden können.“ Gegen die Pauschalbezeichnung von Gemeinderatsmitgliedern als "Alte" verwahrte sich Christine Nimbach.
Dem Antrag des Jugendbeirats wurde schließlich zugestimmt. Allerdings soll nun erst einmal alles genau geprüft werden.
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Den Vorschlag mit den figurenlosen Tischen hingegen hat der Jugendbeirat so nicht gestellt. Sein Vorschlag liegt bereits vor und ist der eigentliche Gegenstand der Debatte. Öffentliches Schach lebt davon, dass man nichts mitbringen muss. Wer erst von zu Hause Figuren einpacken soll, spielt lieber dort.
Nur stabile, wetterfeste Tische mit integriertem Schachfeld & Bänke aufstellen.
Exponiert sind doch v. a. die Schachfiguren.
Diese können sich die Spieler aber locker selbst mitbringen.
Oder stattdessen Spielsteine zum Damespiel, wer dies bevorzugt.
So funktioniert es weltweit ganz hervorragend.
Nachtrag:
Wenn da ein Gemeinderat tatsächlich vom "Mißbrauch als Liegefläche" gesprochen hat, schüttelt es mich als Bürger einer liberalen Demokratie wirklich heftig.
Wo samma denn! Friedliche Bürger mißbrauchen (!!) einen öffentlichen Park? In Tutzing? Auch im Englischen Garten?
Schach erlebt – dies als Info für alle, denen das noch nicht aufgefallen ist – gerade unter Jugendlichen einen bemerkenswerten Aufschwung, online wie analog. Wer wirklich wissen möchte, ob Jugendliche noch Schach spielen, wird auf chess.com oder in Schulschach-Statistiken solide informiert.
Und dass der Jugendbeirat seine eigenen Erfahrungen „natürlich sammeln darf", bildet keine Großzügigkeit ab, sondern ist schlichtweg eine Selbstverständlichkeit. Eine, die sich in ihrer grundgesetzlichen Dimension hoffentlich auch dem Gemeinderat irgendwann erschließt.
Schachfelder mit Figuren hatte man allerdings schon in den weit zurückliegenden 70ziger Jahren z.B. in neuen Wohngebieten hoffnungsfroh aufgestellt; eine häufige Annahme konnte leider nie beobachtet werden; zum Schluss waren die Figuren verschwunden, die leeren Stein-Schachfeldern wurden letztendlich nur von Moosbewuchs bespielt.
Auch dieses Experiment kostet natürlich Geld. Negative Erfahrungen mit Schachanlagen gibt es bereits; ich würde daher eher abraten und die Gelder besser einsetzen. Ein barrierefreier Zugang zum Rathaus z.B. hätte auch einen gewissen und nützlichen Charm.
Um schlechten Sachentscheidungen und generalisierten Gerechtigkeitsschieflagen entgegenzuwirken, wäre eine deutlich professionalisierte, transparentere und insgesamt zeitgemäßere Arbeitsweise des Gemeinderats erforderlich. Dazu gehören sehr gut ausgearbeitete Beschlussvorlagen ebenso wie sorgfältig vorbereitete Debattenbeiträge der Räte und der Einsatz digitaler Werkzeuge, mit denen Zuständigkeiten, Fristen und der Stand von Prüfaufträgen für alle nachvollziehbar bleiben. Damit Letztere nicht, hier und da auch mal gewollt, dem Vergessen anheimfallen.
Es ist im Jahr 2026 schwer vermittelbar, dass den komplexen Anforderungen einer Gemeinde mit den Methoden vergangener Jahrhunderte und im Stile einer Quatschbude begegnet wird, während in jeder noch so kleinen Firma enorme Produktivitätsgewinne über spezialisierte Software erzielt werden, die Transparenz und Übersicht schafft.
Weil es nicht um die Arbeitszufriedenheit der Gemeinderäte geht, sondern um die Lebensbedingungen von 10.000 Bürgern, sollte der neue Gemeinderat gleich in seiner ersten Sitzung seine Produktivität auf das gebotene Niveau bringen. Die Tools sind für den öffentlichen Dienst zertifiziert, sofort einsatzbereit und für wenig Geld zu mieten.
Schach, dass das logische Denken ganz analog fördert! Training für das Gehirn!
Ein Signal, dass wir unserer Jugend mehr zuhören sollten, da steckt sehr viel positives für Tutzing drin.
Claus Piesch hat völlig Recht, wir sollten unserem Jugendbeirat mehr vertrauen!
Leider gehört Claus Piesch dem nächsten Gemeinderat nicht mehr an.
Ein großer Verlust, denn er war der Führsprecher für den Jugendbeirat, der die Anliegen der Jugend unvoreingenommen und nachdrucksvoll vertreten hat.
Die Boule-Anlage wird so ausgiebig, das ganze Jahr mit viel Freude bespielt, ist für viele Tutzinger ein Treffpunkt und eine Bereicherung ihres Lebens geworden.
Da hatte Frau Marlene Greinwald, als Bürgermeisterin einfach den richtigen „Riecher“, was Tutzing fehlt.
Hin- und wieder verlangt das Amt (im Rahmen seiner Kompetenzen) auch einen „Macher“. Danke dafür!
Sollte man die nicht besser entfernen?
Könnten ja beschmiert oder beschädigt werden?
Bei der vergangenen Kommunalwahl gab es ein klares Wählervotum für ein „Weiter so!" in der Ortspolitik. Finanziell gut gestellte und bestens vernetzte Honoratioren verfolgen die Interessen ihrer eigenen Alterskohorte. Derweil meldet sich die Jugend, die schon wegen ihrer geringen Zahl kaum zu vernehmen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass junge Menschen nicht nur zahlenmäßig unterlegen sind, sondern auch noch keine geübte politische Stimme haben; anders als die Generation, die seit Jahrzehnten die Räume und Netzwerke kennt und dominiert.
Der überalterte Gemeinderat sollte sich bewusst machen, dass Jugendbeteiligung keine Wohltat ist, die nach Gutdünken gewährt wird, sondern eine Verpflichtung. Wer sie ernst nimmt, muss sich im Zweifelsfall auch zugunsten jener zurückhalten, die an der Entscheidung nicht mitwirken dürfen. Dafür braucht es keine große Geste, keine Grundsatzdebatte und kein Konzept. Manchmal genügt es schlicht, einen Antrag durchzuwinken.