In alte Zeiten zurückversetzt gefühlt haben sich viele gut gelaunte Menschen gestern beim „Andechser Hof“. Der Biergarten war plötzlich wieder belebt, wie sie es von früher her kannten - nicht mehr leer, ein Schatten seiner selbst wie seit 14 Jahren, sondern attraktiv hergerichtet. So wird es auch in den nächsten beiden Wochen sein, bis zur Fischerhochzeit, immer von Donnerstag bis Sonntag.
Der Auftakt gestern an einem Mittwoch war die Ausnahme zur Eröffnung. Bier wurde ausgeschenkt, das erste Fass sogar von Ludwig Horn höchstpersönlich. Das lief nicht ganz so perfekt wie bei den professionellen Schankkellnern, aber ein Bürgermeister hat ja auch gewöhnlich Anderes zu tun. Ihm machte es jedenfalls sichtlich Spaß, denen, die sich geduldig neben ihm in einer Warteschlange aufstellten, nach und nach die mehr oder weniger gut gefüllten Gläser zu überreichen. Nachschub holten sich die meisten dann an anderer Stelle, wiederum geduldig wartend, bis sie an der Kasse an der Reihe waren, um sich anschließend ihre Getränke und an weiteren Ständen Spanferkel, Wurstsalat, Obadzn oder Brezn besorgen zu können. Passende Klänge lieferten dazu "De Blechschlawina" aus Wielenbach, Diemendorf und Pähl – vor allem zünftig bayerisch, zwischendurch aber auch – viel zu selten, wie manche fanden – mit erfrischender Partymusik, die sie ebenfalls gut drauf haben.
Ein Hinweis auf eine dauerhafte Neubelebung des einst beliebten Wirtshauses und seines Biergartens ist das alles wohl nicht. Organisator Stephan Albrecht von der Brauerei Oberland hat ausdrücklich einen „Pop-up-Biergarten“ angekündigt – eine vorübergehende Veranstaltung, bis zur Fischerhochzeit, für deren Festzelt ebenfalls ein Leerstand - der des Seehof-Grundstücks - genutzt wird. Unter denen, die den temporären Biergarten sichtlich genossen haben, waren auch mehrere Gemeinderatsmitglieder und die Eigentümer des Andechser Hofs, Conny und Georg Schuster.
Warum lässt man an dieser zentralen Stelle von Tutzing seit so vielen Jahren ein Gebäude verfallen?
Natürlich wurde in den Gesprächen an den Biertischen viel darüber diskutiert, warum man an dieser zentralen Stelle von Tutzing seit so vielen Jahren ein Gebäude verfallen lässt. Dabei gab es schon Pläne für einen Neubau mit Gaststätte und Biergarten, die im Gemeinderat sogar zunächst allgemein begrüßt worden sind. Doch ganz bestimmte Mitglieder des Gemeinderats sollen immer wieder Einsprüche gegen so einen Neubau erhoben und sich damit durchgesetzt haben. Alle möglichen Gründe sollen dafür vorgebracht worden sein - großenteils in nicht öffentlichen Sitzungen.
Der Widerstand gegen einen Neubau ging so weit, dass den Eigentümern mit einem städtebaulichen Vertrag finanzielle Fesseln angelegt werden sollten, die Juristen als völlig unüblich bezeichneten. Als Höhepunkt wurde schließlich das Baurecht reduziert – eine Maßnahme, gegen die der für die Gemeinde tätige Rechtsanwalt sofort rechtliche Schritte erwartete.
Seit einiger Zeit liegt ein neuer Entwurf des Tutzinger Architektur- und Ingenieurbüros Twiehaus Pfisterer vor, den viele für gut halten, weil er eine Lösung für die befürchteten Probleme zu bringen scheint. Die Eigentümer schienen gestern bei der Eröffnung des Pop-up-Biergartens ein klein wenig zuversichtlich zu sein, dass mit so einem Projekt nun doch endlich etwas vorangehen könnte. Aber sie sind erkennbar gebrannte Kinder. Von den betreffenden Gemeinderatsmitgliedern – die gestern nicht bei der Eröffnung dabei waren – ist ihnen zu viel Ablehnung entgegengebracht worden, als dass sie schon wirklich an einen Neuanfang glauben könnten.
Tatsächlich scheinen manche im Gemeinderat auch an dem neuen Plan schon wieder etwas auszusetzen zu haben. Den vielen Menschen, die den Pop-up-Biergarten gestern bei der Eröffnung genossen haben, konnten all diese Probleme, die ausgesprochen oder unausgesprochen mitgeschwungen haben, die Stimmung und die gute Laune aber nicht verderben. Bis zur Fischerhochzeit wird diese positive Atmosphäre bestimmt noch anhalten - bis der Alltag mit mehr und mehr verfallenden Gemäuern und leer stehenden Flächen Tutzing wieder einholt.

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