„Treffsicherheit ist schön. Aber noch wichtiger ist eine aufrechte Haltung, gegenseitiger Respekt und der Mut, für das Richtige einzustehen.“ Mit diesem Satz brachte Pfarrerin Beate Frankenberger auf den Punkt, worum es an diesem Vormittag in der Pfarrkirche St. Joseph eigentlich ging – und traf damit, ganz im Bild der Schützen gesprochen, mitten ins Schwarze. Gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer Peter Seidel gestaltete sie den ökumenischen Gottesdienst, mit dem die Schützengesellschaft Immergrün den Auftakt zu ihrem 100-jährigen Jubiläum beging. Im Mittelpunkt stand die Weihe der neuen Vereinsfahne, die Fahnenträger Ronny Zeigermann der Festgemeinde erstmals präsentierte.
Frankenberger nutzte das Bild der Zielscheibe, um von etwas anderem zu erzählen: davon, wie ein Verein über ein Jahrhundert zusammenhält. Sie habe die Chronik der Schützengesellschaft mit großem Interesse gelesen, sagte sie, und sei dabei auf einen roten Faden gestoßen.
Von Zielscheiben und Niederlagen
Der Verein sei über die Jahrzehnte immer wieder heimatlos gewesen, vom Tutzinger Keller über den Andechser Hof bis zur Dreifachturnhalle, und habe sich doch jedes Mal neu eingerichtet. „Das hat euch flexibel und mobil gemacht“, so die Pfarrerin. Genau darin liege eine Lebenslehre, die über den Schießstand hinausreiche: Wer sich Ziele setze, müsse auch mit Fehlschüssen leben können. Entscheidend sei nicht der Treffer allein, sondern die Haltung, mit der man nach einer Niederlage wieder von vorne anfange.
Diesen Gedanken verband Frankenberger mit einem Kapitel aus der Vereinsgeschichte, das die Fahne selbst betrifft: Im Dritten Reich sollte sie auf Druck des damaligen Bürgermeisters ein Hakenkreuz erhalten – der damalige Schützenmeister habe sich geweigert. „Sonst würde diese Fahne heute nicht ihren 100. Geburtstag feiern“, sagte Frankenberger. Diese Haltung habe die Verantwortlichen in jenen Jahren vermutlich einiges gekostet. Mit einem Zitat aus dem Philipperbrief – „Seid miteinander verbunden durch die christliche Liebe … achtet in Demut den anderen höher als euch selbst“ – schloss sie den Bogen zur Gegenwart: Eine Fahne sei mehr als Stoff, sie erinnere daran, wofür Menschen gemeinsam einstehen.
Ein Gedicht als Dienstschluss für eine treue Begleiterin
Nach der Weihe der neuen Fahne war es an Claus Piesch, sich von der alten zu verabschieden – jener Fahne, die seit ihrer Weihe 1935 durch Prozessionen, Umzüge und Trauerfeiern getragen wurde und die er selbst über die Jahre häufig als Fahnenträger begleitet hat. In breitem bayerischem Dialekt und in Reimform ließ er die 91-jährige Geschichte der Fahne noch einmal Revue passieren (siehe unten auf dieser Seite): die Gründung durch „Cattaneo Johann“ im Jahr 1926, die Weihe 1935, die Zeit, in der die Fahne „in finstane Zeitn“ versteckt und in der Kirche vor dem Zugriff bewahrt wurde, und den stolzen Auftritt beim Oktoberfestumzug 1987, nachdem Bernhard Julius im Jahr zuvor Landesschützenkönig geworden war.
Piesch dankte darin auch den Weggefährten der Fahne über die Jahrzehnte – vom „Pesl Anderl“ und „Block Rudi“ bis zu jenen, die „fast fuchz'g Joar“ dabei waren. Sein Schlusswort galt der Fahne selbst: „Liebe oide Fahna, dei G'wand is miad worn … und jetz' deafst im Ruhestand bei uns wohna.“ Mit den Zeilen „Vergelt's Gott für 91 Jahr – vergelt's Gott für ois. Mach's guad, oide G'fährtin – jetz' pack ma's“ endete die Rede, bevor die Musik einsetzte.
Wie ungewöhnlich dieser Moment war, bestätigte später im Festzelt Andreas Lechermann, 1. Gauschützenmeister des Schützengaus Starnberg: „So einen würdigen Abschied hat man selten erlebt.“
Zwei Stimmen, ein Thema
Predigt und Gedicht trafen sich, ohne dass es abgesprochen war, in derselben Erkenntnis: Eine Fahne ist nur so viel wert wie die Haltung derer, die sie tragen. Während Frankenberger diesen Gedanken theologisch herleitete, erzählte Piesch ihn als gelebte Vereinsgeschichte – mit Namen, Jahreszahlen und einer Portion Schmunzeln. Zusammen ergaben Predigt und Abschiedsrede den inneren, leiseren Teil eines Jubiläumstages, der sonst vor allem durch Festzug, Blaskapellen und ein Fahnenmeer im Zelt am Seehof in Erinnerung bleiben dürfte.
Rede an die Fahne
Von Claus Piesch
Liebe guade, treue Begleiterin.
Heit, wo mia des Hundertjahrige feiern, no a paar Worte für di.
Vor 100 Joar hod ois og'fangt,
da Cattaneo Johann hod den Verein gründ't, mit vui Schwung.
Da „Giovanni" mit seiner welsch'n Herkunft,
und heit dank ma eam für den mutig'n Sprung.
Nein Joar drauf, anno 35,
war mit am Preisschießn gnua Diridari g'stellt.
Na bist Du „geborn" und g'weiht worn, ganz feierlich und nei,
unsa Stoiz, der vorausmarschiert durch de Welt.
Und dann, in finstane Zeitn hams di versteckt,
dass di koaner stiehlt oder schänd't in da Not.
Da in da Kirchn, da war dei Asyl,
behüt' vo mutige Leut und am Herrgott.
Du hast uns treue Dienste g'leist,
bist mit uns ganga durch all de Joar.
Bei Wind und Wetter, bei Kält'n und Hitz,
wenn's leicht oder a ganz schwar war.
Bei Prozessiona und Umziag im Dorf und im Gau,
bei Jubiläen oder Feiern bei Freind,
warst du unsa Zeicha, warst oiwei dabei
und hast uns im Festzug so würdig vereint.
Du warst dabei, wenn mia g'lacht und g'feiert hab'n,
hast g'strahlt im Feld bei Sonnaschein.
Und oft aa am Grab treu de Wacht g'halt'n im Schmerz,
beim letzten Gruß für de unsan im Verein,
ganz nah bei jedem trauernden Herz.
Mia danken heit alle Kameradn,
die di trag'n und begleit' ham mid stoizm G'sicht.
Und wenn bei uns Wuide de Abordnung in Not war,
na sprang de „zwoate Reih" ei – und tat ihr' Pflicht.
Mia danken alle – de vuin Fähnrich und Begleitunga,
und a paar deaf i jetz' no nenna:
Der Pesl Anderl und der Block Rudi – beide mussn leider scho geh',
aber fast fuchz'g Joar war oana immer da – unser Ernstl, den kennts alle eh',
und der Gerd, der Heinz, der Günter warn da
und jetzad der Ronny – und ja, i scho aa.
Und vui andane no – es duad ma leid,
wenn i ned alle beim Nama sag heit.
Und was ham mia g'feiert – dass ma des ned vergisst!
Und wenn's feichtfröhlich war...
woasd nua no Du, wiasd hoamkemma bist!
Aber b'sonders anno 86 – vor vierz'g Joar – des war a Pracht!
Da Bernhard Julius wurd' Landesschützenkönig,
und di hams im Jahr drauf zum Oktoberfestumzug bracht!
Stoiz bist im Münchner Wind g'waht,
und uns und Di hams gsehn de Leit,
mit der großn Kron' für'n Kini vom Müller Alois,
die der Schütznbund in Ehren hält bis heid!
Liebe oide Fahna, dei G'wand is miad worn,
dei Stoff erzählt Geschichten vo Generationa.
Du hast dei Schuldigkeit mehr ois doa,
und jetz' deafst im Ruhestand bei uns wohna.
Dei Platz in unsane Herzn bleibt da g'wiss.
Und de andan bringa mit de Pfarrer de Mess z'end,
aber mia daefa vorher ausm Dienst geh',
– in dei würdig's Z'haus im Stüberl drend –
und de Pöckinger spuin uns a Stückerl so schee.
Vergelt's Gott für 91 Jahr – vergelt's Gott für ois.
Mach's guad, oide G'fährtin – jetz' pack ma's.

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